V. Das neue Paradigma im Welt- und Menschenbild der Moderne

Die eben beschriebene künstlerische Entwicklung zeugt von der Ausbildung eines neuen Selbst- und Weltverständnisses. Am deutlichsten kommt dieses zuerst in der Malerei von Cézanne und van Gogh und später in derjenigen von Mondrian und Kandinsky zum Ausdruck; die Einheit alles Seienden nimmt eine gänzlich neue künstlerische Gestalt an, die sich durch Flächigkeit, Rhythmisierung, Reinheit der Farbe und Transparenz der gestalterischen Mittel auszeichnet. Form, Farbklang und Bedeutung verbinden sich zu einer integralen, sowohl allgemeinen als auch einzigartigen Aussage, die sich durch eine bisher unbekannte Totalität und Unmittelbarkeit kundtut. Rationales und Irrationales, Sinnliches und Geistiges, Vorstellung und Wirklichkeit lassen sich nicht mehr voneinander trennen. In welchem Ausmaß diese Künstler mit ihrer Malerei geistiges Neuland betreten haben, läßt sich heute nur noch aus dem Vergleich mit der Kunst ihrer zeitgenössischen Kollegen erkennen.
Seit jeher bemüht sich der Mensch darum, die vielfältigen Komponenten und Aspekte seiner Erfahrungswirklichkeit zu einem kohärenten Selbst- und Weltbild zu verbinden. Aus der Wechselwirkung und den Resultaten derartiger Bemühungen entwickeln sich die leitenden Vorstellungen und Ordnungsprinzipien, die Ideale und Ambitionen, die den jeweiligen Kulturen und Zeitaltern ihren Stempel aufdrücken. In diesem Sinn wurde die griechisch-römische Antike durch das Erwachen eines individuellen Bewußtseins geprägt; das christliche Zeitalter stand im Zeichen der unsterblichen Seele und des menschgewordenen Gottessohnes; die Neuzeit wurde durch die Vorstellung des Gottmenschen bestimmt, der die Naturgesetze zu erkennen und damit die Welt zu beherrschen vermag.
Dieses letzte Paradigma, das mit seiner Trennung von Körper und Seele, Objekt und Subjekt, Mensch und Welt den Geist der Neuzeit von der Renaissance bis zur Aufklärung bestimmte, weicht in der Moderne der Vorstellung einer wissenschaftlich begründbaren Einheit allen Seins. Diese beruht nicht auf dem gemeinsamen göttlichen Ursprung des Menschen und der Welt, sondern ergibt sich aus der Einsicht in die gesetzmäßige Wirksamkeit anonymer Kräfte anorganischer, organischer, psychischer und geistiger Art, wobei diese Kräfte als jeweils unterschiedliche Erscheinungsformen eines letzlich unfaßbaren, doch unteilbaren Seins verstanden werden. Diese holistische Vision prägt alle progressiven Tendenzen des neuen Zeitalters. Sie manifestiert sich sowohl in der ›Einheitswirklichkeit‹, die in der Malerei der anbrechenden Moderne Gestalt und Ausdruck findet, als auch in den bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen, mit denen Albert Einstein das Weltbild und Sigmund Freud das Menschenbild der Aufklärung auf eine neue Grundlage stellen.
Diese Entdeckungen sind jedoch trotz ihrer epochalen Bedeutung nur wenigen Lesern wirklich vertraut. Um die bedeutungsvollen Entsprechungen aufzuzeigen, die meiner Auffassung nach zwischen den wissenschaftlichen und den künstlerischen Schöpfungen der Moderne bestehen, werde ich deshalb den Versuch unternehmen, die wichtigsten Konzepte der neuen Physik und der Psychoanalyse möglichst kurz und allgemeinverständlich darzustellen. Anschließend werde ich in groben Zügen Ausbruch und Verlauf der sozialen Revolution nachzeichnen, mit der sich das neue Paradigma auch auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene durchzusetzen beginnt.

1. Das Weltbild der modernen Physik

"Es ist von großer Bedeutung, daß die breite Öffentlichkeit Gelegenheit hat, sich über die Bestrebungen und Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung sachkundig und verständlich unterrichten zu können. Es genügt nicht, daß die einzelnen Resultate durch wenige Fachleute des entsprechenden Fachgebietes anerkannt, weiter bearbeitet und angewendet werden. Die Beschränkung der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf eine kleine Gruppe von Menschen schwächt den philosophischen Geist eines Volkes und führt zu dessen geistiger Verarmung."
Albert Einstein, im Vorwort zu Barnett, 1948, S. 5

Makrokosmos und Mikrokosmos, die Tiefe des Sternenhimmels und das Reich der Atome, bilden den äußeren und den inneren Horizont unseres physikalischen Weltbildes. In diesen Grenzbereichen unserer Erkenntnis stieß man um die Jahrhundertwende auf eine Reihe rätselhafter Tatsachen, die den bisherigen Glauben an das glatte und widerspruchslose Funktionieren des mechanistischen Weltalls, wie es Newton entworfen hatte, zutiefst erschütterten. Um diese Phänomene quantitativ zu beschreiben und um die durch sie aufgegebenen Rätsel einer Lösung zuzuführen, wurden in der Zeit zwischen 1900 und 1927 zwei große theoretische Systeme entwickelt: die Quantentheorie, bei der es sich um die Grundvorstellungen von Materie und Energie handelt, und die Relativitätstheorie, die sich mit Raum, Zeit und der Struktur des gesamten Weltalls beschäftigt.
Dazu mußten die Schöpfer dieser Theorien sowohl die Begriffe unserer Alltagserfahrung als auch die traditionellen Metaphern der klassischen Physik über Bord werfen: die neuentdeckten Zusammenhänge entbehrten jeder Anschaulichkeit und ließen sich nur noch mathematisch erfassen. Das ist mit ein Grund, warum die beiden neben der Psychoanalyse wohl bedeutendsten wissenschaftlichen Theorien unseres Zeitalters heute noch, mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Veröffentlichung, auch dem gebildeten Laien nicht einmal in ihren Grundzügen vertraut sind; (ein entscheidender Grund liegt auch im Versäumnis unserer Bildungsanstalten, ihren Absolventen einen klar strukturierten und allgemeinverständlichen Überblick über die entscheidenden geistigen Errungenschaften unseres Zeitalters zu vermitteln).
Glücklicherweise haben namhafte Physiker immer wieder den Versuch unternommen, die Ergebnisse ihrer Wissenschaft einem breiten Publikum näher zu bringen. Meine Ausführungen stützen sich auf populärwissenschaftliche Publikationen dieser Art,1 fassen jedoch in erster Linie das von Albert Einstein selbst empfohlene Buch seines Kollegen Lincoln Barnett zusammen.


Die Quantentheorie

Mit der Begründung der Quantentheorie vollzog der deutsche Physiker Max Planck im Jahr 1900 den ersten Schritt von der mechanistischen Auffassung der bisherigen Physik zur mathematischen Abstraktion.

1. Welle und Partikel
Um zu bestimmen, wie der Betrag an Strahlungsenergie, der von erhitzten Körpern abgegeben wird, mit Wellenlänge und Temperatur zusammenhängt, fand Planck im Jahr 1900 auf mathematischem Weg eine Gleichung, die mit den experimentell gewonnenen Ergebnissen völlig übereinstimmte; sie konnte jedoch nur dahin gedeutet werden, daß die Menge der während des Strahlungsvorganges abgegebenen Energie nicht kontinuierlich, sondern stoßweise wächst. Strahlung besteht somit aus Teilchen, die Planck als Quanten bezeichnet.
Die Tragweite dieser Entdeckung wurde jedoch erst offenbar, als Albert Einstein (1879-1955) im Jahre 1905 postulierte, daß sich alle Formen der Strahlungsenergie (Licht, Wärme, Röntgenstrahlen usf) als Wellen im Weltall ausbreiten, und gleichzeitig nachweisen konnte, daß alles Licht aus einzelnen Teilchen oder ›Körnern‹ von Energie - den sogenannten Photonen - zusammengesetzt sei.2
Einsteins Gleichungen und die Ergebnisse seiner Versuche stellten die damaligen Physiker vor ein bestürzendes Dilemma, denn sie widersprachen der fest eingewurzelten Theorie, daß das Licht aus Wellen bestehe. Nach der experimentellen und theoretischen Arbeit von mehr als zwei Jahrhunderten mußte das Licht aus Wellen bestehen - aus Einsteins Photoelektrischem Gesetz ging jedoch ebenso eindeutig hervor, daß sich das Licht aus Photonen zusammensetzt. Die Grundfrage, ob das Licht aus Wellen oder Partikelchen bestehe, kann nicht beantwortet worden; der Doppelcharakter des Lichts hat sich nämlich als Teilaspekt eines tiefen und bedeutsamen Dualismus erwiesen, der die ganze Natur durchdringt.
Diese Auffassung begann sich erst in den zwanziger Jahren durchzusetzen. Die Quantentheorie, die seit ihrem Entstehen immer weiter ausgebaut worden war, hatte um diese Zeit schon sehr bestimmte Vorstellungen über die Natur der Materie und ihrer Elementarteilchen ausgebildet. Das Atom wurde als eine Art Sonnensystem verstanden: es bestand aus einem Kern, der von einer wechselnden Anzahl von Elektronen (1 für Wasserstoff und 92 für Uran) umkreist wurde. Experimente hatten gezeigt, daß alle Elektronen dieselbe Ladung und dieselbe Masse aufwiesen; sie wurden als harte, elastische und unteilbare Kügelchen vorgestellt, und so neigte man anfänglich dazu, in ihnen die kleinsten Bausteine des Weltalls zu sehen.
Mit dem Fortschreiten der Untersuchung ließ sich diese Auffassung jedoch immer weniger vertreten: das Verhalten der Elektronen wirkte als zu komplex, um sie nur als Teilchen zu verstehen. Dies bewog den französischen Physiker Louis de Broglie 1925 dazu, ihnen auch Wellencharakter zuzuschreiben. Wenig später entwickelte sein Wiener Kollege Erwin Schrödinger denselben Gedanken in mathematischer Form. Er arbeitete ein System aus, das Quantenphänomene damit erklärte, daß es Protonen und Elektronen spezifische Wellenfunktionen zuordnete. Seine sogenannte Wellenmechanik wurde schließlich auch experimentell bestätigt, als es zwei amerikanischen Physikern 1927 gelang, die Welleneigenschaften des Elektrons im Laboratorium nachzuweisen.
So wurden nach und nach alle Grundeinheiten der Materie - das, was James Clerk Maxwell ›die unvergänglichen Bausteine des Weltalls‹ genannt hatte - ihrer bisherigen Eindeutigkeit und Substantialität entkleidet.

2. Wahrscheinlichkeitswellen und Unschärferelation
In der Zwischenzeit war auch das Paradox der Materiewellen auf der einen und der Lichtpartikelchen auf der anderen Seite ›gelöst‹ worden: Die deutschen Physiker Werner Heisenberg und Max Born hatten einen mathematischen ›Apparat‹ erfunden, der eine genaue Beschreibung der Quantenphänomene erlaubt, gleichgültig ob die Form von Wellen oder die von Partikelchen bevorzugt wird.
Ihrer Auffassung nach stellten diese Begriffe in beiden Fällen nur unvollständige und damit unzulängliche Analogien für anschaulich nicht beschreibbare Vorgänge (Phänomene) dar. "Nun ist es klar", schreibt Heisenberg in einer 1930 erschienenen Arbeit, "daß die Materie nicht gleichzeitig aus Wellen und Partikeln bestehen kann, die beiden Vorstellungen sind viel zu verschieden. Vielmehr muß die Lösung der Schwierigkeit darin zu suchen sein, daß beide Bilder (Partikel- und Wellenbild) nur ein Recht als Analogien beanspruchen können, die manchmal zutreffen und manchmal versagen. In der Tat ist z.B. experimentell nur nachgewiesen, daß sich die Elektronen in gewissen Experimenten wie Teilchen verhalten, aber durchaus nicht gezeigt, daß die Elektronen alle Attribute des Korpuskularbildes besitzen. Das Gleiche gilt mutatis mutandis für das Wellenbild. Beide Vorstellungen können als Analogien nur in gewissen Grenzfällen Gültigkeit beanspruchen; als Ganzes sind aber die Atomphänomene nicht unmittelbar in unserer Sprache beschreibbar. Licht und Materie sind einheitliche physikalische Phänomene, ihre scheinbare Doppelnatur liegt an der wesentlichen Unzulänglichkeit unserer Sprache."3
Die Begriffe dieser Sprache gehen auf die Erfahrungen des täglichen Lebens zurück und versagen bei der Beschreibung von Prozessen, die jeder Anschaulichkeit entbehren. Eine mathematische Erfassung solcher Phänomene ist jedoch möglich. Heisenberg und Born verzichteten darauf, sich mit den Eigenschaften eines einzelnen Elektrons zu beschäftigen; sie erklären, in der alltäglichen Praxis träten Elektronen immer nur in Bündeln von Milliarden von einzelnen Teilchen oder Wellen auf, und diese Massenerscheinungen unterstünden den Gesetzen der Statistik oder der Wahrscheinlichkeit. So spiele es praktisch keine Rolle, ob die einzelnen Elektronen Partikelchen oder Wellensysteme seien; Elektronenmassen könne man auf beide Weisen beschreiben. Es macht also keinen Unterschied mehr, wie wir uns ein Elektron, ein Atom oder eine Wahrscheinlichkeitswelle veranschaulichen - Heisenbergs und Borns Gleichungen sind auf jedes dieser Bilder anwendbar.
Eine weitere Relativierung ihrer Aussagekraft erfuhr die moderne Physik durch die berühmte Heisenbergsche Unschärferelation, die Werner Heisenberg (diesmal in Zusammenarbeit mit Niels Bohr) 1927 entwickelt und veröffentlicht hatte. Nach seinen Darlegungen haftet allen atomaren Erscheinungen eine wesenhafte Unbestimmtheit (oder ›Unschärfe‹) an, die sich durch keine noch so extreme Verfeinerung der Beobachtungen und Messungen überwinden läßt. Zur Veranschaulichung seines Gedankenganges benutzte Heisenberg ein fiktives Experiment, bei dem sich ein Physiker bemüht, mit Hilfe eines unendlich starken ›Super-Mikroskops‹ Lage und Geschwindigkeit4 eines in Bewegung befindlichen Elektrons auf einmal zu bestimmen.
Da ein Elektron kleiner ist als eine Lichtwelle, kann es der Physiker nur durch Verwendung einer Strahlung von kürzerer Wellenlänge ›beleuchten‹; sogar Röntgenstrahlen sind hier nutzlos. Die Lage eines Elektrons kann nur durch die überaus kurzwelligen Gammastrahlen des Radiums ›sichtbar‹ gemacht werden. Dabei zeigt sich jedoch eine neue Schwierigkeit: je höher die Frequenz des Lichts ist, das zur Durchführung des Experiments verwendet wird, umso stärker wird der Druck, den das jeweilige Bombardament der Lichtkörner - der Photonen - auf das Elektron ausübt. Die Gammastrahlen gehen auf Grund ihrer extrem hohen Frequenz am brutalsten mit diesem um. Somit ist es absolut und für alle Zeiten unmöglich, Lage und Geschwindigkeit eines Elektrons gleichzeitig zu bestimmen: indem wir seine Lage bestimmen, verändern wir seine Geschwindigkeit, und bestimmen wir die Geschwindigkeit, so verändern wir die Lage. Je genauer wir einen Aspekt messen, desto ungenauer fällt die Messung des anderen aus.
Mit seiner Unschärferelation hat Heisenberg eine philosophische Einsicht sozusagen experimentell bestätigt: der Beobachtungsprozeß verzerrt den zu beobachtenden Vorgang; die objektive und zugleich vollständige Erkenntnis eines Sachverhalts ist ein Ding der Unmöglichkeit.


Die Spezielle Relativitätstheorie

Das Relativitätsprinzip als solches ist seit langem bekannt und uns allen aus eigener Erfahrung vertraut. So hat wohl schon jeder einmal beim Antritt einer Eisenbahnfahrt im Bahnhof erlebt, wie sich ein Zug so langsam in Bewegung setzt, daß die Passagiere dabei keinen Ruck verspüren. Wenn wir aus dem Fenster schauen und auf dem Nebengeleis einen anderen Zug langsam vorbeifahren sehen, sind wir plötzlich unsicher: fahren wir schon, und steht der andere Zug still - oder stehen wir noch, und der andere Zug kommt gerade herein? Die einzige Möglichkeit, dies festzustellen, besteht für die Passagiere darin, von der anderen Seite des Wagens aus einen festen Punkt wie zum Beispiel den Bahnsteig, ein Lichtsignal oder ein Gebäude zu fixieren. Anders gesagt: die Passagiere können ihre Bewegungslage nur dann richtig beurteilen, wenn sie diese zur Erde in Beziehung setzen.
In diesem Sinn benutzen auch die meisten physikalischen Untersuchungen die Erde als stationäres Bezugssystem. Doch könnte man, da alle Bewegung relativ ist, jeden beliebigen Körper als Bezugsobjekt nehmen und alle anderen Bewegungen auf ihn beziehen.
So wird zum Beispiel ein Reisender, der sich während einer Bahnfahrt zum Speisewagen begibt, in diesem Augenblick den Zug als ruhend betrachten und seine Bewegungen zu diesem in Beziehung setzen; doch wenn er an die Reise denkt, die er gerade macht, nimmt er die Erde als ruhend an und sagt, er fahre mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde durch die Landschaft. Der Astronom, der sich gerade mit dem Sonnensystem beschäftigt, sieht es wieder anders: für ihn steht die Sonne still, während sich der Reisende mit der Erde gleichzeitig um deren Achse und um die Sonne dreht. Man kann nicht sagen, daß eine dieser Arten, die Bewegung des Reisenden zu berechnen, richtiger sei als die andere; jede ist völlig richtig, sofern das jeweilige Bezugsobjekt angegeben wird.
Nun besteht das Ziel der Naturwissenschaft darin, nicht nur unsere unmittelbare Umwelt, sondern auch das Weltall sowohl in seinen Teilen als auch als Ganzes zu erklären - sie verlangt deshalb nach einem Bezugssystem, dem universelle Geltung zukommt.
Wir erinnern uns an Newtons Versuch, dieses Problem zu lösen: da er keinen Himmelskörper ausmachen konnte, der sich im absoluten Ruhezustand befindet, erklärte er den Raum selbst als festes Bezugssystem. In seiner Vorstellung war der Raum eine stationäre und unbewegliche physikalische Realität, und während zwei Jahrhunderten schien es, als ob er mit seiner Auffassung recht behalten würde. Dies änderte sich erst im Jahre 1905, als Albert Einstein - er war damals 26 Jahre alt und arbeitete als Ingenieur im Eidgenössischen Patentamt in Bern - mit der dreißig Seiten starken Schrift ›Elektrodynamik bewegter Körper‹ seine erste Arbeit über die Spezielle Relativitätstheorie veröffentlichte.

1. Raum und Zeit
Einstein verwarf Newtons Idee vom Raum als einem festen Bezugssystem, das sich im absoluten Ruhezustand befindet. Seiner Ansicht nach war es auch nutzlos, noch weiter nach einem solchen zu suchen, denn das Universum, so argumentierte er, ist voller Bewegung: Sterne, Nebel, Milchstraßen und all die gewaltigen Galaxienhaufen des Weltraums bewegen sich ohne Unterlaß. Diese Bewegungen können jedoch nur im Verhältnis zueinander beschrieben werden, denn es gibt im Weltraum keine bevorzugten Richtungen und keine Grenzen. Die Natur bietet keine absoluten Vergleichsmaßstäbe, und der Raum ist nichts anderes als die Ordnung oder Beziehung der Dinge zueinander - ohne Dinge im Raum ist der Raum nichts.
Zusammen mit der Idee vom absoluten Raum verwarf Einstein auch die Vorstellung einer absoluten Zeit, d.h. eines ständigen, niemals wechselnden, universellen Zeitstroms, der von der unendlichen Vergangenheit in die unendliche Zukunft fließt. Im selben Sinn, in dem Raum einfach eine mögliche Ordnung materieller Objekte darstellt, ist Zeit eine mögliche Ordnung von Vorfällen.
So erscheinen uns zum Beispiel die individuellen Erlebnisse, an die wir uns erinnern, in einer Ereignisreihe angeordnet. Die jeweilige Stellung, die wir ihnen in dieser Reihe zuweisen, wird durch die Kriterien ›früher‹ oder ›später‹ bestimmt. In diesem Sinn hat jeder Einzelmensch eine eigene, subjektive ›Ichzeit‹, nur ist diese an sich nicht meßbar. Zeit wird erst dann zu einem ›objektiven‹ Begriff, wenn wir ihren Ablauf mit Hilfe einer Uhr oder eines Kalenders messen.5
Aber die Zeitintervalle, die der Uhr oder dem Kalender zugrundeliegen, sind keineswegs absolute Größen, denen universelle Geltung zukäme. Ursprünglich war jede Uhr auf das Sonnensystem geeicht. Was wir eine Stunde nennen, entspricht einem räumlichen Maß, nämlich einem Bogen von 15 Grad in der (scheinbaren) täglichen Umdrehung des Firmaments. Und was wir ein Jahr nennen, ist dementsprechend das Maß, das man aus der vollen Umlaufbahn der Erde um die Sonne gewinnt. Es gibt kein festes, von einem Bezugssystem unabhängiges Zeitintervall; es gibt keine Gleichzeitigkeit und kein ›jetzt‹ ohne Bezug zu einem System.
Der Physiker, der sich mit den komplexen Bewegungserscheinungen der Himmelsmechanik oder der Elektrodynamik beschäftigt, muß Größen, die innerhalb eines Systems auftreten, ständig mit Größen anderer Systeme in Beziehung setzen. Die mathematischen Gesetze, die solche Beziehungen darstellen, bezeichnet man als Transformationsgesetze; ihr Prinzip kann durch das Beispiel eines Mannes illustriert werden, der auf dem Deck eines Schiffes spazieren geht. Wenn er mit der Geschwindigkeit von 5 Kilometer pro Stunde in der Fahrtrichtung des Schiffs geht und dieses mit einer Stundengeschwindigkeit von 20 Kilometer fährt, dann bewegt sich der Mann mit 25 Kilometer pro Stunde im Verhältnis zum Meer; wenn er sich auf Deck entgegen der Fahrtrichtung bewegt, dann beträgt seine Geschwindigkeit im Verhältnis zum Meer nur 15 Kilometer pro Stunde.
Diese Transformationsregel basiert auf den einfachsten anschaulichen Überlegungen und ist seit den Zeiten Galileis mit Erfolg auf die Probleme der zusammengesetzten Bewegung angewendet worden.
Ihre Grenzen zeigten sich erst 1881, als man die Unmöglichkeit erkannte, ihr Prinzip - die Addition der Geschwindigkeiten - auf die Bewegung von Lichtstrahlen anzuwenden. In jenem Jahr hatten nämlich zwei amerikanische Physiker, Albert Abraham Michelson und E.W. Morley in einem aufsehenerregenden Experiment in unwiderlegbarer Weise nachgewiesen, daß sich die Bewegung des Lichts von jeder anderen Bewegung des Weltalls in grundsätzlicher Weise unterscheidet: die Lichtgeschwindigkeit wird durch die Bewegung der jeweiligen Lichtquelle oder des Empfängers nicht verändert, sondern bleibt immer konstant.
Es ist für den Laien nicht leicht, auf Anhieb zu erfassen, wiesehr diese Tatsache dem ›gesunden Menschenverstand‹ widerspricht. Deshalb versucht Einstein (in seinem ersten Aufsatz über Relativität), diesen Widerspruch mit Hilfe eines einfachen Beispiels zu veranschaulichen. Er nimmt einen Bahndamm an, an dem sich ein Lichtsignal befindet, das mit 300'000 km pro Sekunde (dies ist die Lichtgeschwindigkeit, die in der Physik mit c bezeichnet wird) Strahlen dem Geleis entlang sendet. Ein Zug nähert sich dem Signal mit der Geschwindigkeit J. Nach dem Additionsprinzip sollte nun die Geschwindigkeit des Lichtstrahls im Verhältnis zum Zug c plus J betragen, solange sich der Zug dem Signal nähert, und c minus J, solange er sich vom Signal entfernt.
Dieses selbstverständliche Ergebnis steht jedoch im Widerspruch zum Resultat des Michelson-Morley Versuchs, d.h. zur durchgehenden Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Selbst wenn wir uns vorstellen, der Zug rase mit einer Geschwindigkeit von 15'000 Kilometer pro Sekunde auf das Lichtsignal zu, wird ein Beobachter, der im Zug die Geschwindigkeit des herankommenden Lichtstrahls misst, wegen der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit das Resultat von 300'000 Kilometer pro Sekunde erhalten - nicht mehr und nicht weniger.
Das hier auftauchende Problem ist grundsätzlicher Art; es besteht im unversöhnlichen Konflikt zwischen dem Glauben an die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit einerseits und dem Glauben an das Prinzip der Addition der Geschwindigkeiten andererseits. Während das letztgenannte Prinzip auf unseren, durch die Alltagserfahrung geprägten Vorstellungen und auf dem ›gesunden Menschenverstand‹ beruht (nach dem zwei und zwei gleich vier ist), erblickte Einstein im ersteren ein fundamentales Naturgesetz.
Aus diesem Grund kam er zum Schluß, daß das Additionsprinzip durch eine neue Transformationsregel ersetzt werden mußte, die es erlaubte, die Analyse der relativen Bewegung von Systemen mit der bekannten Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in Einklang zu bringen. Zu diesem Zweck stellte Einstein eine revolutionäre Theorie auf. Nach dieser basiert das alte Prinzip der Addition auf zwei Trugschlüssen: erstens wurde stillschweigend angenommen, daß die Dauer eines Ereignisses von dem Bewegungszustand des Bezugssystems unabhängig sei; zweitens wurde vorausgesetzt, daß die Messung der zurückgelegten Strecke genau das gleiche Ergebnis zeigen würde, ob man sie nun auf dem Zug (dem in Bewegung befindlichen System) oder aber außerhalb davon (auf den Geleisen) in einem stationären System vornähme. Doch ist Länge, genauso wie Zeit ein relativer Begriff - es gibt kein räumliches Intervall, das von dem Bewegungszustand des Bezugssystems unabhängig wäre. Daher muß der Physiker, der die Naturerscheinungen in Begriffen beschreiben will, die für alle Bewegungssysteme im Weltall Geltung haben sollen, Zeit- und Streckenangaben als variable Größen betrachten.
Die entsprechenden Transformationsregeln fand Einstein in einer Reihe von Gleichungen, die der holländische Physiker Hendrick Antoon Lorentz (im Zusammenhang mit einer inzwischen überholten Theorie) zur Erklärung des Michelson-Morley Versuches entwickelt hatte. Diese als Lorentz-Transformation bekanntgewordenen Gleichungen setzen die Strecken- und Zeitmessungen im bewegten System zu den Messungen im stationären System so in Beziehung, daß die Lichtgeschwindigkeit c konstant bleibt, aber die Strecken- und Zeitintervalle andere Werte erhalten.
Sinn und Bedeutung dieser Gleichungen läßt sich am ehesten verstehen, wenn man sie auf die Welt des Laboratoriums überträgt, wo Abstraktionen wie Raum und Zeit in die konkrete Sprache der Uhren und Maßstäbe übersetzt werden. Dabei ergibt sich, daß sich der Lauf einer Uhr, die mit einem in Bewegung befindlichen System verbunden ist, von dem einer stationären Uhr unterscheidet; und daß ein Maßstab, der sich in einem bewegten System befindet, seine Länge gemäß der Geschwindigkeit dieses Systems verändert. Die Uhr geht langsamer, wenn die Geschwindigkeit des Systems zunimmt, und der Maßstab verkürzt sich (und zwar nur in der Bewegungsrichtung des Systems).
Bei diesen Vorgängen handelt es sich jedoch nicht um mechanische Phänomene. Ein Beobachter, der sich zusammen mit der Uhr und dem Stab vorwärts bewegte, würde die beschriebenen Veränderungen nicht bemerken. Nur ein unbewegter, stationärer Beobachter würde feststellen, daß sich die bewegte Uhr im Verhältnis zu seiner eigenen verlangsamt und daß der Stab im Verhältnis zu den stationären Meßinstrumenten zusammengeschrumpft ist.
Dieses eigentümliche Verhalten von in Bewegung befindlichen Uhren und Maßstäben klärt das Geheimnis der konstanten Lichtgeschwindigkeit auf. Jetzt wissen wir, weshalb alle möglichen Beobachter ungeachtet ihres Bewegungszustandes stets feststellen, daß das Licht ihre Apparate mit genau derselben Geschwindigkeit trifft, mit der es sich von diesen entfernt: wenn ihre eigene Geschwindigkeit sich der des Lichts nähert, dann verlangsamen sich ihre Uhren und verkürzen sich ihre Maßstäbe, so daß alle ihre Messungen mit denen des stationären Beobachters zusammenfallen.
Das Ausmaß dieser Kontraktion wird durch die Lorentz-Transformation bestimmt. Ein Maßstab, der sich mit 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit vorwärtsbewegt, dürfte sich um die Hälfte seiner Länge verkürzen; wenn der Stab Lichtgeschwindigkeit erreichen könnte, würde er auf ein Nichts zusammenschrumpfen. In ähnlicher Weise würde eine Uhr, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegte, vollständig zum Stillstand gelangen. Daraus folgt: es kann sich nichts jemals schneller bewegen als das Licht - die Lichtgeschwindigkeit stellt die Höchstgrenze der Geschwindigkeiten im Weltall dar.
In unserer Alltagserfahrung stossen wir natürlich nie auf Geschwindigkeiten, die groß genug sind, um die oben erwähnten Veränderungen in Erscheinung treten zu lassen. Sogar in einer Rakete verlangsamen sich die Uhren nur in kaum merkbarem Grade; bei Geschwindigkeiten, die nahe an die des Lichts herankämen, wird der Relativitätseffekt hingegen drastisch bemerkbar. Bei gewöhnlichen Geschwindigkeiten ist die Veränderung der Raum- und Zeitintervalle praktisch gleich Null. Die Relativitätstheorie steht also nicht im Widerspruch zur klassischen Physik; doch betrachtet sie die alten Vorstellungen als Grenzwerte, die nur für die Alltagserfahrungen gültig sind.

2. Masse und Energie
Mit der Relativierung der Begriffe Zeit und Raum hat Einstein die theoretischen Voraussetzungen für die Gleichsetzung (Äquivalenzformel) von Masse und Energie geschaffen.
Die mechanische Naturbeschreibung bedient sich dreier Größen: Raum, Zeit und Masse. Da Raum und Zeit relative Größen sind, kann man annehmen, daß sich die Masse der Körper ebenfalls gemäß ihrem Bewegungszustand ändert. In der klassischen Physik ist die Masse jedes Körpers eine feste und unveränderliche Größe. Aber nach der Relativitätstheorie ist die Masse eines bewegten Körpers keineswegs konstant, sondern nimmt mit wachsender Geschwindigkeit zu.
Barnett beschreibt die Schritte und Überlegungen, die von dieser grundlegenden Erkenntnis - dem Prinzip der Massenzunahme - zum spektakulärsten und folgenschwersten Beitrag der Relativitätstheorie führten. Einstein argumentierte etwa folgendermaßen: da die Masse eines bewegten Körpers mit seiner Geschwindigkeit zunimmt und da die Beschleunigung nichts anderes als eine Vermehrung der kinetischen Energie6 des Körpers darstellt, kann man die Massenzunahme auf eine Zunahme der Energie zurückführen. Kurzum: Energie hat Masse! Durch eine einfache mathematische Überlegung fand Einstein den jeder Energieeinheit E entsprechenden Massenwert m, und gelangte so zu einer der bedeutsamsten und bekanntesten Gleichungen der Physik: E = mc2.
Es ist wohl den meisten Lesern bekannt, welche Rolle diese Gleichung bei der Herstellung der Atombombe gespielt hat. Sie besagt folgendes: die Energie (in erg) eines jeden Materialpartikels ist gleich seiner Masse (in Gramm), multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (in Zentimeter pro Sekunde). Dies heißt konkret: ein Kilogramm Kohle würde bei vollständiger Umformung in Energie 25 Milliarden Kilowattstunden Elektrizität liefern (das ist die Menge, die 1988 alle Elektrizitäts- und Kernkraftwerke der Schweiz zusammen in 5 Monate produziert haben.)
Aus dieser Gleichung wird ersichtlich, weshalb radioaktive Substanzen wie Radium oder Uran während Millionen von Jahren Strahlungsenergie ausstoßen können, und sie erklärt, weshalb z.B. die Sonne noch weit länger (während Milliarden von Jahren) Licht und Wärme zu spenden vermag. Wäre diese Strahlung das Resultat eines gewöhnlichen Verbrennungsprozesses, wäre die Sonne schon längst kalt und erloschen.
Einsteins Äquivalenzformel Masse = Energie führt zu einer grundsätzlich neuen Auffassung der physikalischen Welt. In der vorrelativistischen Zeit nahm man im Universum zwei scharf voneinander getrennte Grundelemente an, nämlich Materie und Energie, die erstere träge, greifbar und mit einer konstanten Masse ausgestattet, die andere aktiv, unsichtbar und ohne jede Masse. Einstein hat diese Antinomie aufgehoben: nach ihm ist Masse nichts anderes als aufgespeicherte Energie. Materie ist Energie, und Energie ist Materie; der Unterschied liegt, wie im Fall von Welle und Partikel, lediglich in der jeweiligen, vorübergehenden Erscheinungsform.
Jetzt verstehen wir den rätselhaften Dualismus der mikrophysikalischen Welt, so zum Beispiel den Doppelcharakter des Lichts, das je nach dem in Form von Wellen oder in Form von Partikelchen auftritt; zumindest sind alle diese Phänomene weniger widerspruchsvoll geworden: die jeweiligen Begriffe beziehen sich auf verschiedene Erscheinungsformen derselben Wirklichkeit, und es ist sinnlos, danach zu fragen, was deren einzelne Bausteine nun ›eigentlich‹ seien. Wenn die Materie sich ihrer Masse entkleidet und sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, dann nennen wir sie Strahlung und Energie. Wenn umgekehrt Energie erstarrt und träge wird und wir ihre Masse feststellen können, dann nennen wir sie Materie.
Die Vertauschbarkeit von Materie und Energie wurde bekanntlich am 16. Juni 1945 auch praktisch bestätigt. Auf dem Versuchsgelände von Alamogordo ist es damals mit der erfolgreichen Zündung einer Atombombe zum ersten Mal gelungen, ein beträchtliches Quantum Materie in Licht, Wärme, Schall und Bewegung, das heißt in Energie umzuformen.


Die Allgemeine Relativitätstheorie

Die Spezielle Relativitätstheorie umfaßt die Grundbegriffe der Relativität von Raum, Zeit und Materie und die Folgerungen aus diesen Grundbegriffen (wie zum Beispiel die Äquivalenzformel für Materie und Energie). In der Allgemeinen Relativitätstheorie (1915) entwirft Einstein mit der Umdeutung des Newtonschen Begriffs der Gravitation ein neues Bild von der umfassenden Architektur des Weltalls.
Die Schlüsselbegriffe der neuen Theorie sind das ›Vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum‹ und das ›Elektromagnetische Kraftfeld‹. Das Prinzip des Kontinuums ist uns allen aus eigener Erfahrung vertraut. Ein Kontinuum ist ein Ausschnitt der Wirklichkeit, der durch seinen stetigen Zusammenhang gekenntzeichnet ist - ein Lineal läßt sich zum Beispiel als ein eindimensionales räumliches Kontinuum verstehen.7 Die meisten Lineale sind mit Maßangaben in Zentimetern und Millimetern versehen, doch ist ein Lineal vorstellbar, das Teilungen bis zu einem Millionstel eines Zentimeters aufweist, denn theoretisch ist es möglich, den Abstand zwischen zwei Punkten in beliebig kleine Etappen zu zerlegen. Eine solche Einteilung würde es erlauben, jede Position auf dem Lineal in unmißverständlicher Weise zu definieren. Diese Möglichkeit macht das Wesen des Kontinuums aus.
In diesem Sinn kann man auch ein Eisenbahngleis als Kontinuum bezeichnen: der Lokomotivführer eines Zuges kann seine Position durch Angabe eines einzigen Koordinatenpunktes, (einer Station oder eines Kilometersteins) charakterisieren. Der Kapitän eines Schiffes dagegen muß zwei Dimensionen berücksichtigen; die Meeresoberfläche ist ein zweidimensionales Kontinuum, in dem die Position durch Angabe des Längen- und des Breitengrades bestimmt wird. Der Flugzeugpilot fliegt durch ein dreidimensionales Kontinuum; er wird nicht nur Längen- und Breitengrad, sondern auch den vertikalen Abstand vom Erdboden in Betracht ziehen.
Zur genauen Beschreibung eines Vorganges, der mit Bewegung verbunden ist, müssen wir jedoch auch die zeitliche Positionsveränderung feststellen. Im Falle des Zuges wird man zum Beispiel die jeweilige Zeit angeben, zu der dieser auf den Stationen einer bestimmten Strecke eintrifft. Das kann mittels eines Fahrplans oder eines Diagramms geschehen. Auf dem nebenstehenden Diagramm gibt die Diagonale die Vorwärtsbewegung des Zuges in einem zweidimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum wieder (Abb. 220a).
Zur deutlichen Wiedergabe eines Fluges von London nach Paris braucht man jedoch ein vierdimensionales Diagramm, das sowohl die drei Raum-Koordinaten (Längengrad, Breitengrad, Höhe) als auch die Zeit-Koordinate angibt. Die Zeit ist die vierte Dimension. Will man den Flug als Ganzes, als eine physikalische Wirklichkeit betrachten, so muß man ihn sich als eine fortlaufende Kurve im vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum vorstellen.
Da der Raum nur drei Dimensionen hat, ist es äußerst schwierig (wenn nicht gar unmöglich), ein anschauliches, d.h. räumliches Modell eines vierdimensionalen Kontinuums herzustellen. Für den Mathematiker, der Dimensionen einfach mit Zahlbegriffen ausdrückt, bietet hingegen die Darstellung eines solchen Kontinuums keine Schwierigkeit.
Doch wäre es falsch, das raumzeitliche Kontinuum als eine bloß mathematische Konstruktion aufzufassen. Die Welt ist ein raumzeitliches Kontinuum; alle Wirklichkeit existiert sowohl im Raum wie auch in der Zeit - beide sind unzertrennlich.
Die Gleichartigkeit von Raum und Zeit wird am offensichtlichsten, wenn wir uns den Fixsternen zuwenden. "Wenn der Astronom durch sein Fernrohr blickt", schreibt Barnett, "schaut er nicht nur in den Raum hinaus, sondern außerdem in die Vergangenheit zurück. Seine lichtempfindliche Platte entdeckt den Abglanz von fernen Inseln im Weltenraum, die bis zu zweitausend Millionen Lichtjahre von uns entfernt sind; die schwachen Strahlen hatten ihre Reise zu einem Zeitpunkt angetreten, als auf der Erde die ersten Wirbeltiere ihre Wanderung von den warmen Meeren des Paläozoikums nach den eben entstandenen Kontinenten begannen. Diese Inseln - in Wirklichkeit gewaltige Sternsysteme - entfernen sich mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit von über 50'000 Kilometer pro Sekunde von unserer eigenen Milchstraße; genauer gesprochen, taten sie dies vor fünfhundert Millionen Jahren. Wo sie sich 'jetzt' befinden oder ob sie ›jetzt‹ überhaupt noch existieren, weiß niemand."8
Unüberhörbar erhebt sich damit die Frage nach der unsichtbaren Kraft, die das Weltall zusammenhält und die Bahnen der Gestirne, der Kometen, Meteore und Spiralnebel in der unermeßlichen Leere des Weltraums lenkt. Newton hat in ihr die gleiche Kraft erkannt, die den fallenden Apfel zu Boden zieht, und daraus sein allgemeines Gravitationsgesetz abgeleitet; nach diesem wird jeder Körper im Universum von jedem anderen Körper mit einer Kraft angezogen, die umso größer ist, je mehr Masse die Körper haben und je näher sie einander sind.
Einsteins Gravitationsgesetz unterscheidet sich in wesentlichen Aspekten von demjenigen seines großen Vorgängers in der Erforschung des Weltalls: es beschreibt das Verhalten der Objekte in einem Gravitationsfeld, zum Beispiel dem der Planeten, nicht als Ausdruck der ›Anziehung‹, die diese Himmelskörper aufeinander ausüben, sondern einfach als eine Reihe von Bewegungsvorgängen; während die Newtonschen Formeln mit dynamischen Begriffen wie ›Kraft‹ und ›Masse‹ arbeiten, verwendet Einstein geometrische Bezeichnungen. Dieser Gegensatz läßt sich am Beispiel eines Stabmagneten veranschaulichen.
Für die klassische Physik stand es fest, daß ein solcher Magnet ein Stück Eisen durch eine geheimnisvolle Fernwirkung anzieht. Der heutige Physiker sieht es anders: er sagt, der Magnet verleihe dem ihn umgebenden Raum eine bestimmte physikalische Beschaffenheit und bezeichnet diese als magnetisches Feld. Es läßt sich leicht beobachten, wie dieses Feld auf das Eisen einwirkt und genau berechenbare Wirkungen an ihm hervorruft: schüttet man nämlich über einen Magneten Eisenspäne aus, so wird die Struktur des Feldes sichtbar (siehe dazu Abb. 220b). Magnetisches und elektrisches Feld sind physikalische Realitäten; sie haben eine bestimmte Struktur, die in den Feldgleichungen von James Clerk Maxwell ihren mathematischen Ausdruck findet.
Entsprechend der Art, in der ein Magnet dem ihn umgebenden Raum eine bestimmte Beschaffenheit verleiht, bestimmt nach Einstein jeder Himmelskörper die geometrische Beschaffenheit des ihn umgebenden Raumes. Genau wie die Bewegung eines Eisenspans in einem magnetischen Feld durch dessen Struktur determiniert ist, so ist die Bahn jedes Himmelskörper im Gravitationsfeld das direkte Ergebnis der geometrischen Beschaffenheit des Feldes.9
An Stelle des starren und unveränderlichen Raumes des Newtonschen Weltbildes, in dem die Materie, für sich existierend, wie in einem Behälter aufgehoben war, tritt in der Allgemeinen Relativitätstheorie ein amorphes Kontinuum ohne feststehende Architektur, das einem ständigen Prozeß der Umformung unterworfen ist. Wo immer es Materie und Bewegung gibt, da erleidet das Kontinuum eine Störung, denn jeder Himmelskörper und jede Milchstrasse bringen in die Geometrie des sie umgebenden Zeit-Raum-Abschnittes eine Verzerrung hinein und rufen, ähnlich den Wirbeln rings um eine Insel im Meer, Veränderungen in der Raumzeit hervor. So bilden Meteore, Kometen und Abermilliarden von Sternsystemen durch die Verzahnung der geometrischen Struktur ihrer Gravitationsfelder die Sternhaufen, Milchstraßen und Spiralnebel, die unser Universum ausmachen.
Wie sieht nun der geometrische Aufbau des raumzeitlichen Kontinuums aus, in dem alle diese gewaltigen Sternsysteme ihre Bahn ziehen? Oder, einfacher ausgedrückt: welche Gestalt und Größe hat das Universum?

Bisher hatte man sich das Universum als eine Materie-Insel vorgestellt, die im Mittelpunkt eines unendlichen Raum-Meeres schwebt. Dieses Universum konnte nur unendlich sein, denn sobald man annahm, der Raum sei begrenzt, erhob sich die Frage: und was liegt dahinter? Die klassische Physik war dabei von der zwar natürlichen, aber wissenschaftlich nicht zwingenden Annahme ausgegangen, daß die Geometrie des Weltalls den Euklidischen Gesetzen folgen müsse. Sie betrachtete es zum Beispiel als gesichert, daß die gerade Linie auch im Weltraum die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten darstellt. Einstein hingegen erkannte, daß das Universum weder unendlich noch euklidisch ist, wie die meisten Gelehrten angenommen hatten, sondern etwas, das man sich bisher noch niemals physikalisch vorgestellt hat.
Es ist leicht einzusehen, daß auf der Erdoberfläche die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, etwa Rom und Paris, keineswegs die Gerade ist, die wir auf einer Karte markieren, sondern ein Kreisabschnitt. Analoge Abweichungen von der Euklidischen Geometrie würden auftreten, wenn man auf der Erdoberfläche gewaltige Quadrate, Dreiecke oder Kreise zeichnen würde (siehe Abb. 220c). Auf einer gekrümmten Oberfläche ist die Euklidische Geometrie somit nicht anwendbar.
Dasselbe gilt nach Einstein auch für den Weltraum. Dem erdgebundenen Menschen mag es zwar so vorkommen, als ob sich ein Lichtstrahl geradlinig in die Unendlichkeit fortsetze, doch ist diese Vorstellung durch die Begrenztheit unserer Sinneswahrnehmungen bedingt, denn im Universum gibt es keine geraden Linien. Da auch das Licht (in Form von Photonen) Masse besitzt, werden die Lichtstrahlen beim Durchqueren eines Gravitationsfeldes durch die Struktur des Feldes beeinflußt, und diese gestattet keine geraden Linien - der kürzeste Weg, den das Licht beschreiben kann, ist eine Kurve.10
Da die Geometrie eines Gravitationsfeldes durch Masse und Geschwindigkeit der gravitierenden Himmelskörper bestimmt wird, muß der geometrische Aufbau des Weltalls als Ganzes durch dessen materiellen Gesamtinhalt beeinflußt sein: jeder Materieansammlung im Universum entspricht eine Formveränderung des raumzeitlichen Kontinuums - je größer die Materieansammlung, um so stärker die aus ihr resultierende Raumzeitkrümmung. Die Gesamtwirkung der kombinierten Formveränderungen, die durch all die Materiemassen im Universum hervorgerufen werden, ist somit eine totale Krümmung des raumzeitlichen Kontinuums, das sich "in einer geschlossenen kosmischen Kurve in sich selbst zurückbeugt."11
Der Einsteinsche Raum ist sowohl endlich als auch unbegrenzt. In Worten ist sein geometrischer Charakter schwer zu beschreiben. In mathematischer Sprache ausgedrückt, ist es der eines vierdimensionalen Gegenstücks zu einer Kugeloberfläche. Der Laie mag die Formulierung des englischen Physikers Sir James Jeans vorziehen: "Eine Seifenblase mit gefurchter Oberfläche illustriert vielleicht am besten das neue Weltbild der Relativitätstheorie am Beispiel eines vertrauten Objekts. Das Universum ist nicht das Innere der Seifenblase, sondern ihre Oberfläche; doch dürfen wir dabei nicht vergessen, daß diese nur zwei, das Weltall aber vier Dimensionen hat, und zwar drei für den Raum und eine für die Zeit. Die Substanz, aus der diese Kugel geblasen ist, die Seifenschicht, ist der leere Raum, zusammengeschweisst mit der leeren Zeit."12
Womit erwiesen ist, was der Leser längst erahnt hat: daß sich Einsteins gekrümmter Raum - wie die meisten Begriffe der modernen Physik - nicht veranschaulichen läßt. Eine mathematische Kennzeichnung ist jedoch möglich - mit Hilfe der Einsteinschen Feldgleichungen läßt sich sogar die Größe des Weltalls berechnen! "Einsteins Universum ist zwar nicht unendlich", schreibt Barnett, "aber gewaltig genug, um Milliarden von Milchstrassen zu umfassen, von denen jede einzelne ihrerseits Hunderte von Millionen leuchtender Sterne und unvorstellbare Mengen verdünnter Gase und kalter Massen von Eisen und Stein sowie kosmischen Staubs enthält. Ein Sonnenstrahl, der mit einer Geschwindigkeit von fast 300'000 Kilometer pro Sekunde seine Reise durch das Weltall antritt, würde, obwohl er immer geradeaus liefe, einen großen Weltkreis beschreiben und in etwa 56 Milliarden Erdjahren zu seiner Quelle zurückkehren."13


Der philosophische Aspekt der neuen Physik

Schon die ersten griechischen Philosophen, die sogenannten Vorsokratiker, haben versucht, die scheinbare Vielfältigkeit des Naturgeschehens auf eine einheitliche Basis zu stellen, d.h. auf wenige einfache Ideen und grundlegende Beziehungen zurückzuführen. So schrieb Demokrit um 400 v. Chr.: "Nur scheinbar (nur der herkömmlichen Meinung nach) hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome und den leeren Raum".14
Das Christentum ersetzte diese kühne Spekulation über die letzte Einheit alles Seienden durch den Glauben an die göttliche Offenbarung, doch seit der Renaissance - der Wiedergeburt der Antike - bildet die Idee einer letzten Substanz, die der Welt der Erscheinungen zugrunde liegt, wieder eine der leitenden Vorstellungen der abendländischen Wissenschaft und Philosophie. Zweitausend Jahre nach Demokrit wies Galileo Galilei, der durch die Verbindung von Theorie und Experiment die Physik als exakte Wissenschaft begründet hat, erneut auf den rein subjektiven Charakter sinnlicher Eigenschaften wie Farbe, Geruch, Geschmack und Ton hin, indem er erklärte, diese könnten "den Gegenständen nicht in größerem Maße zugeschrieben werden als der Kitzel oder der Schmerz, den das Berühren dieser Gegenstände manchmal verursacht."15 Entsprechende Auffassungen wurden von vielen bedeutenden Philosophen der Neuzeit, insbesondere von Locke, Hume, Leibnitz, Berkeley, Kant und Schopenhauer vertreten.
Im Verlauf der durch Galilei eingeleiteten wissenschaftlichen Entwicklung wurden die vielfältigen Stoffe, aus denen sich diese Welt zusammensetzt, auf heute 98 Naturelemente reduziert und die verschiedenen Kräfte, die in ihr in Erscheinung treten, als wechselnde Auswirkungen der elektromagnetischen Kraft und der Schwerkraft verstanden. Schließlich wurden alle physikalischen Phänomene auf wenige grundlegende Größen wie Raum, Zeit, Materie und Energie zurückgeführt.
Das wissenschaftliche Denken der Neuzeit stand jedoch trotz seiner vereinheitlichenden und reduktiven Tendenz während all dieser Zeit im Zeichen einer dualistischen Weltauffassung. Ihre deutlichste Formulierung fand diese durch den französischen Philosophen und Mathematiker René Descartes, einen Zeitgenossen Galileis, der alles Seiende aus der unaufhebbaren Zweiheit von geistig-seelischer, denkender Substanz (der res cognitans) und materieller, ausgedehnter Substanz (der res extensa) erklärte. Dieser Dualismus spiegelt sich auch in den vielfältigen Antinomien, die dem Newtonschen Weltbild zugrunde liegen, nämlich in den unvereinbaren Gegensätzen Gott - Welt, Raum - Zeit, Energie - Materie. Newton hatte diese Antinomien als selbstverständliche Gegebenheiten angenommen und gar nicht erst versucht, sie wissenschaftlich aufzuheben. Die letzte Einheit alles Seienden war seiner Auffassung nach der Welt nicht immanent, sondern gründete in der Allgegenwart Gottes.

Die neue Physik verzichtet auf diese Hilfskonstruktion. Sie kommt ohne Glauben aus und stützt sich ausschließlich auf das Experiment und die Funktionen des menschlichen Verstandes. Sie erklärt, daß sich das Wirken der Natur in geheimnisvoller Weise nach mathematischen Prinzipien richtet und hofft, dereinst in der Lage zu sein, die letzte Einheit des Universums in Form einer mathematischen Gleichung (der sogenannten Ur- oder Welt-Formel) darzustellen.
Auf dem Weg zu diesem Ziel übersetzten die Physiker die großen philosophischen Einsichten der Neuzeit in die Sprache der exakten Wissenschaft. Einsteins Gleichungen bestätigen Kants Diktum, daß Raum und Zeit "apriorische Anschauungsformen unseres Verstandes" sind. Die Äquivalenzformel für Masse und Energie und die damit verbundene Komplementerität von Welle und Partikel liefern das mathematische Gegenstück zur Schopenhauerschen Idee der ›Welt als Wille und Vorstellung‹: Masse und Energie, Welle und Partikel sind lediglich unterschiedliche Erscheinungsformen (also ›Vorstellungen‹) eines gemeinsamen, an sich jedoch unfaßbaren Substrats (des Schopenhauerschen ›Willens‹).
Die Konzepte des vierdimensionalen raumzeitlichen Kontinuums und der Geometrie seines Kraftfeldes verändern grundlegend die bisherigen Vorstellungen vom Aufbau der Welt. Die letzten Bausteine des Weltalls lassen sich nicht mehr als für sich bestehende, isolierte materielle Teilchen auffassen, denn nach einem Satz des deutschen Mathematikers Hermann Minkowski "haben sich Raum und Zeit als getrennte Größen zu leeren Schemen verflüchtigt und behalten nur in ihrer Verbindung miteinander Wirklichkeitsgehalt."16
Alles Sein ist Bewegung. Ein Teilchen läßt sich nur durch seine Stellung in Raum und Zeit definieren. Was dabei bestimmt wird, ist ein Ereignis - die letzten Bausteine des Weltalls sind ›Ereignisteilchen‹.
Die Gesamtheit dieser miteinander zusammenhängenden und durcheinander bedingten Ereignisteilchen bildet das endliche und doch unbegrenzte, einem ständigen Prozeß der Umformung unterworfene Universum der neuen Physik. Diese Theorie verändert nicht nur unsere räumliche, sondern auch unsere zeitliche Vorstellung der Wirklichkeit: zusammen mit dem Raum ist auch die Zeit endlich und unbegrenzt - auch sie beugt sich in geschlossenen kosmischen Kurven in sich selbst zurück. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, und damit die Kriterien ›früher‹ oder ›später‹, sind nicht mehr absolute Begriffe; sieht man vom menschlichen Bewußtsein und seiner subjektiven Zeitvorstellung ab, "so ›geschieht‹ das Universum - die objektive Wirklichkeit - gar nicht, sie existiert bloß."17
Mit Recht sagt Einstein von seinen Entdeckungen, sie seien "um den Preis der Leere an anschaulichem Inhalt erkauft."18 Doch gilt dies letztlich auch für die christliche Vorstellung eines (absoluten) Schöpfergottes oder für die Annahme einer unsterblichen Seele; in ihrer letzten Essenz ist die Wirklichkeit eben nicht faßbar - sie läßt sich bestenfalls mit Symbolen und Zeichen ›be-deuten‹. (andeuten, darstellen).
Die moderne Physik hat einerseits die Grenzen und Unzulänglichkeiten der menschlichen Vorstellungskraft aufgezeigt und die Illusion des Gottmenschen endgültig zerstört; andererseits hat sie das mathematische Instrumentarium geschaffen, um eine Grundbedingung menschlichen Weltverständnisses, die große Idee der durchgehenden Einheit alles Seienden, rational zu formulieren, sie mit unseren Ich-Strukturen in Übereinstimmung zu bringen und sie damit in unser rationales Bewußtsein zu integrieren. Es ist ihr zwar bis heute nicht gelungen, die Quantenmechanik und die Allgemeine Relativitätstheorie zu einer einheitlichen Theorie zu verbinden, in der sowohl die Erscheinungen der subatomaren Welt als auch die des Sternenhimmels durch dieselben Mittel beschrieben werden könnten,19 doch ist die Erreichung dieses Zieles erstmals vorstellbar geworden. Dasselbe gilt für die theoretische Verbindung geistig-seelischer und materieller Substanz, der Res cogitans und der Res extensa. Seit Erwin Schrödinger, der Begründer der Wellenmechanik, 1944 mit seinem Buch ›Was ist Leben‹ als einer der ersten die Erkenntnisse der neuen Physik auf die Biologie übertragen hat, haben Fortschritte in der Neurologie und der modernen Molekularbiologie sowie die neusten Untersuchungen zur physikalischen Struktur der ›genetischen Information‹ die Erreichung auch dieses Ziels in den Bereich des Möglichen gerückt.
Jedes Weltbild, das diesen Namen verdient, gründet in einer jeweiligen Vorstellung dessen, was die Einheit alles Seienden ausmacht. Ein bedeutender Mathematiker und Philosoph, der 1947 verstorbene Brite Alfred North Whitehead, hat die entsprechende Vorstellung der neuen Physik -das Paradigma der Moderne - auf einen Satz gebracht: "Die Einheit der Dinge ist das Ereignis".
Ein ähnlicher Paradigmawechsel vollzog sich um die Jahrhundertwende auch auf dem Gebiet der Humanwissenschaften. 1900, im selben Jahr, in dem Max Planck mit der Aufstellung der Quantentheorie ein neues physikalisches Zeitalter einleitete, legte Sigmund Freud mit seiner ›Traumdeutung‹ den ersten Entwurf eines neuen, umfassenden und rational begründeten Menschenbildes vor.

2. Das Menschenbild der Psychoanalyse

In seinem berühmten Werk zur Neurosenlehre beschreibt der 1946 verstorbene Psychoanalytiker Otto Fenichel, wie sich im Verlauf der Geschichte wissenschaftliches Denken in einer stufenweisen Entwicklung gegen magisches Denken durchgesetzt hat. Die Naturwissenschaften mußten dabei gegen hartnäckige Widerstände ankämpfen, die in dem Maß zunahmen, als sich der Bereich einer Wissenschaft den persönlichen Belangen der Menschen näherte: Physik und Chemie befreiten sich früher als die Biologie; diese wiederum früher als Anatomie und Physiologie, Anatomie und Physiologie früher als die Psychologie. Von allen Wissenschaften blieb diese jüngste am stärksten von magischem Denken durchsetzt.
"Jahrhunderte hindurch galt die Psychologie als ein besonderes, von nüchterner Empirie weit entferntes Gebiet der spekulativen Philosophie", schreibt Fenichel. "Betrachtet man die mehr oder weniger metaphysischen Fragen, die in ihr von vordringlicher Bedeutung waren, erkennt man leicht, daß die Probleme, mit denen sie sich beschäftigte, die alten Antithesen von Leib und Seele, Menschlichem und Göttlichem, Natürlichem und Übernatürlichem widerspiegelten. Wertvorstellungen beeinflußten leider überall die Untersuchung von Tatsachen."20
Ein umfassendes, naturwissenschaftlich begründetes Verständnis des alltäglichen menschlichen Seelenlebens setzte erst ein, als Sigmund Freud (1856-1939) um die Jahrhundertwende aus den Einsichten in Ursache, Verlauf und Therapie der Neurosen mit der Psychoanalyse die Grundlagen für eine allgemeine Psychologie des Menschen legte, die sowohl das pathologische als auch das normale Verhalten umfaßt. Damit lieferte er einen theoretischen Bezugsrahmen, in dem komplexe psychische Vorgänge ihre Darstellung und Deutung finden können.


Die drei Grundthesen

Das theoretische Gebäude der Psychoanalyse gründet auf drei fundamentalen Annahmen oder Thesen: die Annahme der durchgehenden Determiniertheit des psychischen Geschehens, die Annahme eines sinnvollen unbewußten Seelenlebens und die Annahme einer elementaren, als Trieb bezeichneten psychischen Energie, die aller menschlichen Aktivität, allem menschlichen Verhalten zugrundeliegt.21

1. Der psychische Determinismus
Freud war davon überzeugt, daß wie im Fall physikalischer Vorgänge auch im Bereich der Psyche nichts zufällig, d.h. grundlos geschieht, daß also jedes menschliche Verhalten kausal bedingt und durch eine Vielfalt unterschiedlicher Faktoren natürlicher Art bewirkt und geformt wird. Mit seinem bahnbrechenden Werk ›Die Traumdeutung‹ (1900), in dem er anhand eines umfangreichen Beobachtungsmaterials erstmals die durchgehende Determiniertheit alles psychischen Geschehens nachwies, wurde er zum eigentlichen Begründer der wissenschaftlichen Psychologie.
Wohl wurde das Prinzip des psychischen Determinismus schon damals auch von anderen Psychologen anerkannt, doch ließen es diese nur für das bewußte und gezielte Verhalten gelten. Freud dagegen dehnte es auf jedes, noch so belanglos erscheinende psychische Geschehen aus; er war überzeugt, daß gerade die Untersuchung der kausalen Bedingtheit scheinbar bedeutungsloser, von der Wissenschaft bisher unbeachterer psychischer Phänomene zu einer tieferen Einsicht in das menschliche Seelenleben führen würde.

2. Das Unbewußte
Freuds erste Entdeckungen, wie z.B. die Einsicht in den Sinn (und die versteckte Absichtlichkeit) scheinbar zufälliger Fehlleistungen (wie Versprechen, Verlegen, Vergessen usw.), oder die Einsicht, daß unsere Psyche während des Schlafes trotz der Lahmlegung der verstandesmäßigen und motorischen Funktionen im Traum eine bedeutungsvolle und intensive Aktivität entfaltet, führten ihn zur Annahme, daß es neben dem bewußt Seelischen und dem Vorbewußten (jenem Gedächtnisinhalt, der normalerweise bewußt werden kann) ein eigentlich unbewußtes Seelenleben gibt; dieses vermag der Mensch nicht oder nicht mehr ins Bewußtsein zu heben, obwohl es sich in ihm geltend macht. Daraus entwickelt er um 1900 ein erstes Modell der Psyche, das drei ›Systeme‹ psychischer Qualitäten unterscheidet, nämlich die Systeme ›Unbewußt‹, ›Vorbewusst‹ und ›Bewußt‹.
Die Annahme unbewußter psychischer Prozesse war an sich nichts neues. Auch frühere Psychologen hatten sich mit ›unbemerkten‹ Bedingungen und ›nicht wahrgenommenen‹ oder ›nicht wahrnehmbaren‹ Vorgängen befaßt, die dem menschlichen Verhalten zu Grunde liegen. Die Freudsche These des Unbewußten unterschied sich jedoch von den entsprechenden Auffassungen seiner Vorgänger und Zeitgenossen in dreifacher Weise: dadurch, daß er
a) das nicht wahrnehmbare Verhalten in psychologische Begriffe faßte,
b) daß er diesem Zielbestimmtheit und Zweckmäßigkeit zuschrieb,
c) daß er es mit Motivationen, Affekten und Gedanken verknüpfte.22 Unbewußte psychische Vorgänge waren nach Freud keine bloße ›Zugabe‹ zum bewußten Seelenleben, sondern bildeten dessen eigentliche Grundlage.

3. Der Trieb
Die Beobachtung, daß Verhalten nicht ausschließlich durch äußere Reize ausgelöst wird, sondern oft auch ohne diese spontan eintritt, und daß sich alles Verhalten durch eine manifeste oder latente, durch eine bewußte oder unbewußte Zielbestimmtheit und Zweckmässigkeit auszeichnet,23 führte Freud zur Annahme einer unbekannten, von ihm als Trieb bezeichneten Energie, die aller menschlichen Aktivität zu Grunde liegt.
Die Triebe repräsentieren nach Freud die körperlichen Anforderungen an das Seelenleben. Sie unterscheiden sich von äußeren Reizen dadurch, daß sie aus Quellen aus dem Körperinnern stammen und wie eine konstante Kraft wirken, der sich das Ich nicht durch Flucht entziehen kann. Wie im Fall anderer Naturkräfte, z.B. der Elektrizität, läßt sich auch beim Trieb nicht angeben, was diese Kraft ist, sondern bestenfalls, wie sie sich verhält und in welcher Form sie auftritt. Psychisch, auf der Ebene des Bewußtseins, manifestiert sich der Trieb durch sein Drängen und seine Ziele, d.h. durch das Ansteigen und/oder Absinken emotionaler Spannungen, die sowohl durch somatische Reize im Körperinnern als auch durch äußere, den Trieb motivierende Einflüsse erzeugt werden können.
Das psychoanalytische Triebkonzept ist oft und in zweifacher Hinsicht mißverstanden worden. Das erste Mißverständnis ergibt sich aus der Terminologie und besteht darin, daß Trieb fälschlicherweise mit Instinkt gleichgesetzt wird.24 Unter Instinkt versteht man einen beim Tier vorrangigen, angeborenen Verhaltensmechanismus, der auf bestimmte Reize in stereotyper oder nahezu gleichbleibender Weise reagiert; der Instinkt schließt dabei die jeweilige motorische Reaktion mit ein. Der Ausdruck Trieb, wie ihn Freud verwendet, bezeichnet stattdessen nur den bewußten oder unbewußten dynamischen Prozeß innerer Erregung oder -Spannung, der beim Menschen als Reaktion auf eine spezifische äußere Reizwirkung oder auf Grund anderer Determinanten eintritt und nach Entladung drängt.25
Die motorische Abfuhr dieser Erregung, d.h. die eigentliche Triebhandlung, wird nicht nur durch den Trieb, sondern auch durch die Funktionen einer äußerst komplexen psychischen Organisation bestimmt, die in der psychoanalytischen Theorie unter dem Begriff des Ich gefaßt wird und später etwas ausführlicher erörtert werden soll. Der Trieb schließt somit die motorische Aktion, die er verursacht, nicht mit ein; trotz vielfältiger Entsprechungen zum tierischen Instinkt darf er deshalb mit diesem nicht gleichgesetzt werden.
Das zweite Mißverständnis ist nur allzu bekannt: die Psychoanalyse behaupte, alles Verhalten werde durch die Sexualität bestimmt. Es trifft zwar zu, daß der Sexualtrieb und seine Partialtriebe diejenigen waren, die die Psychoanalyse am eingehendsten untersucht hat. Die Psychosexualität wurde dabei aber so umfassend definiert, daß sie niemals synonym mit ›Sex‹ war; darüber hinaus wurden schon in den frühen Stadien der Theorie auch Selbsterhaltungs- und Ich-Triebe angenommen.26
Obwohl Freud seine Trieblehre trotz mehrerer Umgestaltungen zu keinem Abschluß gebracht hat und obwohl man sich auch heute noch nicht darüber einig ist, wieviele und welche Art von Trieben anzunehmen sind, hat die psychoanalytische Forschung genügend Einsichten in deren Wesen und in ihre motivierende Rolle gewonnen, um daraus eine zusammenhängende Triebtheorie zu entwickeln.
Freud unterscheidet am Trieb Quelle, Objekt und Ziel.
Mit Quelle bezeichnet er das somatische Moment des Triebes, den weitgehend unbekannten körperlichen Vorgang, dessen Reiz im Psychischen durch den Trieb repräsentiert wird. Freud erklärt dazu: "Das Studium der Triebquellen gehört der Psychologie nicht mehr an; obwohl die Herkunft aus der somatischen Quelle das schlechtweg Entscheidende für den Trieb ist, wird er uns im Seelenleben doch nicht anders als durch seine Ziele bekannt."27
Als Ziel des Triebes bezeichnet Freud sowohl - im Sinn des Endziels - die Befriedigung, also die Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle, als auch die jeweiligen Schritte, die zur Erreichung dieses Zieles führen. In dieser Hinsicht sind Triebziele auch weitgehend modifizierbar: "... wenn auch das Endziel für jeden Trieb unverändert bleibt, so können doch verschiedene Wege zum gleichen Endziel führen, so daß sich mannigfache nähere oder intermediäre Ziele für einen Trieb ergeben können, die miteinander kombiniert oder gegeneinander vertauscht werden."28
Die Befriedigung des Triebes erfolgt immer an oder durch ein Objekt. Dieses "ist das variabelste am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern ihm nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung zugeordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder Gegenstand, sondern ebensowohl ein Teil des eigenen Körpers. Es kann im Laufe der Lebensschicksale des Triebes beliebig oft gewechselt werden".29 Wie im Falle der Liebe oder des Hasses kann auch eine Gesamtperson zum Triebobjekt werden. Und schließlich können auch konkrete oder abstrakte Vorstellungen die Objekte bilden, an denen oder durch die der Trieb seine Ziele zu erreichen versucht.
In dieser Beweglichkeit des Verhaltens und in der Variabilität der menschlichen Objektwahl zeigt sich der entscheidende Unterschied zwischen Trieb und Instinkt. Das Verhalten und die Koordination des Verhaltens mit seinem Objekt sind beim Tier durch Prägung und Instinkt gesteuert und durch sogenannte ›Automatismen‹ und angeborene Auslösemechanismen weitgehend festgelegt. Demgegenüber verfügt der Mensch über autonome Ich-Funktionen, denen die Verfügung und Kontrolle über die willkürliche Muskelbewegung zukommt. Darüber hinaus kann er sein Verhalten insofern individuell steuern, als er durch die spezifisch menschliche Fähigkeit zur Symbolbildung in der Lage ist, ein Triebobjekt, d.h. die dieses Triebobjekt repräsentierenden Vorstellungen, durch andere zu ersetzen.
An Stelle der Instinktsteuerung tritt so beim Menschen eine komplexe individuelle psychische Steuerung, die durch das Zusammenwirken von drei grundlegenden psychischen Funktionen zustandekommt. Aus dieser funktionellen Gliederung hat Freud ein umfassendes Strukturmodell der Psyche entwickelt.


Der psychische Apparat

Um 1915 entwarf Freud sein zweites und wohl bekanntestes Modell der Psyche, das Modell des psychischen Apparats. Es vereint drei psychische Instanzen, die sich fast im Sinn eigentlicher Wesen mit eigenen Strebungen und eigenen Regulationsprinzipien verstehen lassen: das Es, das Ich und das Über-Ich. Diese Aufteilung in Systeme oder Instanzen, denen verschiedene Eigenschaften oder Funktionen zukommen, stellt keinen Versuch dar, diese Funktionen anatomisch zu lokalisieren. Das Modell des psychischen Apparates hat nichts mit Gehirnanatomie zu tun, sondern dient lediglich dazu, die beobachteten psychischen Phänomene (die Antriebe und Steuerungen menschlichen Verhaltens) auf Grund ihrer Qualitäten und der sie bestimmenden Gesetzmäßigkeiten theoretisch zu ordnen und zueinander in einen sinnvollen, mit der Erfahrung übereinstimmenden Bezug zu bringen.
Die knappste Umschreibung der drei Instanzen findet sich in Freuds später, unvollendeter Schrift ›Abriss der Psychoanalyse‹ (1938). Als erstes stellt Freud das Es vor: "Sein Inhalt ist alles, was ererbt, bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem also die aus der Körperorganisation stammenden Triebe."30
Die zweite Instanz des psychischen Apparates ist die Organisation des Ich, die zwischen Es und Außenwelt vermittelt: "Infolge der vorgebildeten Beziehung zwischen Sinneswahrnehmung und Muskelaktion hat das Ich die Verfügung über die willkürlichen Bewegungen. Es hat die Aufgabe der Selbstbehauptung, erfüllt sie, indem es nach außen die Reize kennenlernt, Erfahrungen über sie aufspeichert (im Gedächtnis), überstarke Reize vermeidet (durch Flucht), mäßigen Reizen begegnet (durch Anpassung) und endlich lernt, die Außenwelt in zweckmäßiger Weise zu seinem Vorteil zu verändern (Aktivität); nach innen gegen das Es, indem es die Herrschaft über die Triebansprüche gewinnt, entscheidet, ob sie zur Befriedigung zugelassen werden sollen, diese Befriedigung auf die in der Außenwelt günstigen Zeiten und Umstände verschiebt oder ihre Erregungen überhaupt unterdrückt."31
Als letzte Instanz des psychischen Apparates beschreibt Freud das Über-Ich, in dem unser Gewissen und unsere Ideale ihren Sitz haben: "Als Niederschlag der langen Kindheitsperiode, während der der werdende Mensch in Abhängigkeit von seinen Eltern lebt, bildet sich in seinem Ich eine besondere Instanz heraus, in der sich dieser elterliche Einfluß fortsetzt. Sie hat den Namen des Über-Ichs erhalten. Insoweit dieses Über-Ich sich vom Ich sondert und sich ihm entgegenstellt, ist es eine dritte Macht, der das Ich Rechnung tragen muß. Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß. Die Einzelheiten der Beziehung zwischen Ich und Über-Ich werden durchweg aus der Zurückführung auf das Verhältnis des Kindes zu seinen Eltern verständlich. Im Elterneinfluß wirkt natürlich nicht nur das persönliche Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluß von Familien-, Rassen- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen Anforderungen des jeweiligen sozialen Milieus. Ebenso nimmt das Über-Ich im Laufe der individuellen Entwicklung Beiträge von seiten späterer Fortsetzer und Ersatzpersonen der Eltern auf, wie Erzieher, öffentlicher Vorbilder, in der Gesellschaft verehrter Ideale. Man sieht, daß Es und Über-Ich bei all ihrer fundamentalen Verschiedenheit die eine Übereinstimmung zeigen, daß sie die Einflüsse der Vergangenheit repräsentieren, das Es den der ererbten, das Über-Ich im wesentlichen den der von anderen übernommenen, während das Ich hauptsächlich durch das selbst Erlebte, also Akzidentelle und Aktuelle bestimmt wird."32
Somit umfaßt die Seele weit mehr als das selbstbewußte Ich; dieses ist bloß ein Teil der Psyche, nämlich das Organ, welches die Funktionen der Realitätsanpassung und des inneren Kräfteausgleichs übernimmt. Als solches versucht das Ich, die Bedürfnisse und Ziele der beiden anderen Instanzen mit den Bedingungen und Forderungen der Realität in Übereinstimmung zu bringen; die gegensätzliche Ausrichtung von Es und Über-Ich setzt dieser Versöhnung jedoch enge Grenzen. Die aus dem Es stammende Triebenergie äußert sich vielfach in Wünschen, Gedanken und Vorstellungen, die den Wertungen des Über-Ich (und denjenigen der Umwelt) widersprechen und die darum entweder unbewußt bleiben oder aber, nachdem sie mehr oder weniger flüchtig bewußt geworden sind, durch das Ich unterdrückt oder ins Unbewußte verdrängt werden. Im Versuch, seine Ziele unter Umgehung der Ich-Kontrolle auf Umwegen zu erreichen, äußert sich der an diese Wünsche, Gedanken und Vorstellungen fixierte Trieb in Fehlleistungen, (Vergessen, Versprechen, Verlegen usw.), in Träumen, und bei extremen Fällen in seelischen und psychosomatischen Störungen. In jedem Fall ist er stärker als das Ich und bestimmt aus dem Unbewußten dessen Verhalten auf die vielfältigste Art.
Entsprechendes gilt für die Macht des Über-Ich. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung werden nämlich nicht nur Triebregungen und Triebziele aus dem Bewußtsein verdrängt; die Forderungen des Gewissens, die Gebote und Verbote des Über-Ichs erfahren oft dasselbe Schicksal.
Das manifeste Seelenleben, d.h. das, was die Menschen über die Beweggründe ihres Verhaltens wissen oder zu wissen vorgeben, ist somit in den meisten Fällen nur eine Verschleierung und Verzerrung der wirklichen Motive ihrer Gefühle und Handlungen.
Jedes menschliche Verhalten wird unter anderem durch eine jeweils bestimmte Ausformung des innerpsychischen, strukturellen Konflikts bestimmt und stellt den Versuch dar, diesen Konflikt zu lösen. Die Psychoanalyse ist somit immer auch eine Konfliktpsychologie.
Damit kommen wir zur sogenannten ›Metapsychologie‹, d.h. der systematischen und umfassenden Untersuchung des menschlichen Verhaltens und seiner wesentlichen Determinanten.


Die metapsychologischen Gesichtspunkte

Die ›Metapsychologie‹ faßt menschliches Verhalten als einen vielschichtigen, doch einheitlichen Prozeß auf. Freud definiert sie als eine Betrachtungsweise, in der seelische Vorgänge gleichzeitig unter verschiedenen psychologischen Gesichtspunkten untersucht und dargestellt werden. So schreibt er 1915, "daß es eine metapsychologische Darstellung genannt werden soll, wenn es uns gelingt, einen psychischen Vorgang nach seinen dynamischen, topischen und ökonomischen Beziehungen zu beschreiben."33
Im Verlauf ihrer späteren Entwicklung hat die Psychoanalyse diesen ersten drei Beziehungen eine ganze Reihe weiterer Determinanten menschlichen Verhaltens hinzugefügt.34
Die erste systematische Darstellung der psychoanalytischen Metapsychologie findet sich in David Rapaports Standardwerk ›Die Struktur der psychoanalytischen Theorie‹ (1950). Darin formuliert Rapaport die bisher definierten Determinanten als die sogenannten metapsychologischen Gesichtspunkte, unter denen die Psychoanalyse menschliches Verhalten untersucht.35

Der genetische Gesichtspunkt: Alles Verhalten ist Teil einer genetischen Reihe und, durch seine Vorläufer, Teil der zeitlichen Aufeinanderfolgen, die die gegenwärtige Form der Persönlichkeit hervorgebracht haben. In diesem Sinn wird alles Verhalten durch das, was ihm voranging, bestimmt.36

Der topographische (oder topische) Gesichtspunkt: Die entscheidenden Determinanten des Verhaltens sind unbewußt.37

Der dynamische Gesichtspunkt: Alles Verhalten ist letzten Endes triebbestimmt.
"Während die frühe Psychoanalyse den Satz von der ›letztlichen Triebbestimmtheit‹ tatsächlich ohne Einschränkung anwendete", schreibt Rapaport, "führten die wachsenden Beweise für die ›Unteilbarkeit des Verhaltens‹ zu der Einsicht, daß das Verhalten, insofern es als von Trieben determiniert bezeichnet werden kann, auch als von Abwehrmechanismen und/oder Kontrollen determiniert bezeichnet werden muß. [...] So muß der Satz von der letztlichen Determiniertheit des Verhaltens durch Triebe, obgleich er in der Psychoanalyse seine Gültigkeit behält, im Zusammenhang der anderen hier besprochenen Grundthesen gesehen werden, die seinen Geltungsbereich näher bestimmen und begrenzen."38

Der ökonomische Gesichtspunkt: Alles Verhalten führt seelische Energie ab und wird durch seelische Energie reguliert.39
Als Energiebetrag, der nach einer bestimmten Richtung drängt, läßt sich der Trieb nicht nur unter einem dynamischen, sondern auch unter einem ökonomischen Gesichtspunkt betrachten. Freud spricht in diesem Zusammenhang vom Erregungsquantum, der Erregungsladung oder der Intensität des Triebes oder der Triebregung. Die ökonomische Beziehung des Triebes zu seinen Zielen und Objekten wird im Begriff der Besetzung gefaßt. Dieser bezeichnet die Tatsache, daß psychische Energie an eine Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, also an ein Objekt gebunden, respektive auf dieses gerichtet ist. In diesem Sinn unterscheidet man z.B. zwischen geringer und starker Besetzung, spricht von Besetzungsenergie und bezeichnet als Besetzungsverschiebung den Vorgang, durch den Triebstrebungen ihr Objekt gegen ein anderes auswechseln (Beispiel: wenn jemand bei einem Wutausbruch Geschirr zerschlägt, statt seinen Gegner tätlich anzugreifen). In ökonomischer Hinsicht führt die Erreichung des Triebziels zu einer Art Entleerung der Energie, was man als Abfuhr bezeichnet. Diese kann teilweise oder vollständig erfolgen, führt in der Regel zur Aufhebung der jeweiligen Besetzungen und wird vom Ich als Lust empfunden.
Obwohl sich die psychische Energie in Phänomenen äußert, die den physikalischen Gesetzen des Energieaustausches zu gehorchen scheinen, läßt sie sich nicht in den mathematischen Formeln ausdrücken, in denen die Physik ihren Energiebegriff faßt. "Es ist aber weder gesagt noch ausgeschlossen", so Rapaport, "daß unter Umständen ein biochemischer Energieaustausch aufgedeckt werden könnte, welcher dem Austausch an psychologischer Energie entspräche, auf den die Psychoanalyse aus den Verhaltensweisen der Person schließt."40

Der strukturelle Gesichtspunkt: Alles Verhalten hat strukturelle Determinanten.41
Anders gesagt: alles Verhalten wird durch Konflikt bestimmt, wobei der strukturelle Konflikt - der innerpsychische Konflikt zwischen Es, Ich und Über-Ich - als die Essenz des Konfliktbegriffs aufgefaßt wird.

Der adaptive Gesichtspunkt: Alles Verhalten wird durch die Realität bestimmt.
In der psychoanalytischen Theorie bezeichnet der Begriff Realität die äußere Wirklichkeit, einschließlich des Körpers des Subjekts, doch mit Ausschluß der somatischen Quellen von Trieben und Affekten; diese äußere Realität stellt die Antithese zur psychologischen Realität dar. Sie bildet wie jene eine Determinante menschlichen Verhaltens.
In diesem Sinn unterscheidet Freud in seiner 1911 veröffentlichten Arbeit ›Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens‹ zwischen dem Lustprinzip und dem Realitätsprinzip. Das Lustprinzip beherrscht alle primären, psychischen Vorgänge und deren Auswirkungen auf das Ich. Die Tätigkeit des Ich wird, wie wir bereits erfahren haben, durch die Beachtung triebmässiger innerer Reizspannungen geleitet. Deren Erhöhung wird allgemein als Unlust, deren Herabsetzung als Lust empfunden. Das Ich strebt nach Lust und will der Unlust ausweichen. Dazu muß es jedoch auch der Realität Rechnung tragen. Aus dieser Bedingtheit entwickelt sich, als eine Modifikation des ursprünglich allein herrschenden Lustprinzips, ein zweiter Regulationsmodus des psychischen Geschehens: das Realitätsprinzip.
Die Anfänge dieser Entwicklung reichen bis ins Säuglingsalter zurück. Freud nimmt an, daß der Säugling bei ausbleibender Befriedigung seiner Bedürfnisse die entsprechende Triebspannung zuerst dadurch abzuführen versucht, daß er die Erfüllung seiner Bedürfnisse einfach halluziniert, so wie es auch der Erwachsene allnächtlich mit seinen Träumen tut. "Erst das Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung, hatte zur Folge, daß dieser Versuch der Befriedigung auf halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte sich der psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse der Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben. Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt; es wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm, sondern was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte."42
Das Realitätsprinzip unterwirft den psychischen Apparat einer ganzen Reihe von Modifikationen: es führt zur Entwicklung der bewußten Funktionen (Aufmerksamkeit, Urteilsfähigkeit, Gedächtnis) und zur Entstehung des Denkens. Mit dem Übergang vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip wird das erste nicht ausgeschaltet. Beide bestimmen gleichermaßen die Aktivitäten des Ich, dessen Aufgabe darin besteht, die Forderungen von Es, Über-Ich und Realität miteinander in Einklang zu bringen. In diesem Sinn stellt das Ich eine zusammenhängende Organisation dar, die, zusammen mit den Trieben, alles Verhalten mitbestimmt und für den koordinierten und organisierten Charakter allen Verhaltens verantwortlich ist. Es ist dementsprechend rings um das System Wahrnehmung-Bewußtsein, d.h. um die Mittel zur Auseinandersetzung mit der Realität, organisiert.43

Der psychosoziale Gesichtspunkt: Alles Verhalten ist sozial determiniert.44
Bei diesem Gesichtspunkt handelt es sich letztlich bloß um einen spezifischen Aspekt des adaptiven Gesichtspunktes.

Die sieben45 metapsychologischen Gesichtspunkte bilden die eigentlichen Axiome der Theorie. Sie werden durch drei weitere Gesichtspunkte ergänzt, mit denen die psychoanalytische Theorie ihr Beobachtungsobjekt definiert. Auch diese sollen stichwortartig zusammengefaßt werden.

Der empirische Gesichtspunkt: Das Objekt der Psychoanalyse ist das Verhalten. Verhalten wird dabei in weitestem Sinn definiert und umfaßt sowohl Gefühl und Denken als auch sichtbares Verhalten, ›normales‹ wie ›pathologisches‹ Verhalten, häufige wie einmalige Verhaltensformen.46

Der Gestalt-Gesichtspunkt: Jedes Verhalten ist integral und unteilbar: die zu seiner Erklärung dienenden Begriffe beziehen sich auf seine verschiedenen Komponenten und nicht auf verschiedene Verhaltensweisen. Konkret ausgedrückt: kein Verhalten darf einseitig als Es-Verhalten oder als Ich-Verhalten beschrieben werden. Jedes Verhalten hat bewußte, unbewußte, Ich-, Es-, Über-Ich-, Realitäts-Komponenten. Mit anderen Worten: alles Verhalten ist vielfach determiniert.47

Der organismische Gesichtspunkt: Kein Verhalten steht isoliert: alles Verhalten ist eines der integralen und unteilbaren Persönlichkeit.48 Anders gesagt: jedes Verhalten wird durch die psychischen Bedingungen und Strukturen der Gesamtpersönlichkeit bestimmt und muß zu seiner vollständigen Erklärung zu diesen in Beziehung gesetzt werden.49

Man erkennt, in welchem Maß sich die Psychoanalyse allein schon durch die Definition ihres Untersuchungsobjekts - der menschlichen Psyche - von aller voranalytischen Psychologie unterscheidet. Die statische Auffassung der Seele als einer gegebenen Größe weicht der Vorstellung eines komplexen und unteilbaren dynamischen Prozesses. An Stelle der bisherigen Antinomie von Leib und Seele tritt die Überzeugung von deren innigen Verbindung und ihrer gegenseitigen Bedingtheit. Darin läßt sich derselbe paradigmatische Wandel erkennen, der sich zu Beginn unseres Jahrhunderts auch in der Physik vollzogen und in der Malerei künstlerische Gestalt und Ausdruck gefunden hat.


Der philosophische Aspekt der Psychoanalyse

Nachdem das theoretische Fundament der Psychoanalyse gelegt war, begann Freud, die aus dem Studium der individuellen Psyche gewonnenen Einsichten auf gesellschaftliche Zusammenhänge zu übertragen. Aus der Fülle entsprechender Arbeiten greife ich diejenigen heraus, die schon zur Zeit ihres Erscheinens weltweites Aufsehen erregt haben. Es sind ›Totem und Tabu‹ (1912), ›Die Zukunft einer Illusion‹ (1927), und ›Das Unbehagen in der Kultur‹ (1930).
Der Essay ›Totem und Tabu‹ führt den Ursprung der im Titel genannten kulturellen Regulationsprinzipien primitiver Gesellschaften auf den einstigen (von Freud angenommenen) Aufstand der jungen Männer eines Clans gegen die Macht des Stammesvaters zurück. Die Phänomene Totem und Tabu gründen somit in der verdrängten und unbewußten Erinnerung an den archaischen Vatermord.
›Die Zukunft einer Illusion‹ zeigt die Übereinstimmungen zwischen religiösen Ritualen und neurotischen Symptomen auf und deutet die Vorstellung eines allmächtigen Gottes als eine kollektive Überhöhung des individuellen Vaterbildes.
In der berühmten Schrift ›Das Unbehagen in der Kultur‹ geht Freud den Ursachen dieses Unbehagens und der weitverbreiteten Sehnsucht nach primitiveren kulturellen Zuständen nach; dabei erklärt er diese Sehnsucht und dieses Unbehagen als eine Folge des durch das gesellschaftliche Zusammenleben erzwungenen Triebverzichts.
So versteht Freud die großen kulturellen Leistungen der Menschheit wie z.B. Kunst, Wissenschaft und Religion als Ausdruck derselben gegensätzlichen und weitgehend unbewußten Triebkräfte und Strebungen, die auch dem individuellen Verhalten zu Grunde liegen. Sowohl das individuelle als auch das kollektive Verhalten, das sich in der kulturellen Entwicklung niederschlägt, steht im Dienst der Konfliktlösung. Alle Kultur ist ihrem Wesen nach Kompromiß, alle Kultur fordert Verzicht.

Das Menschenbild der Psychoanalyse und ihre Relativierung der höchsten kulturellen Werte vertrugen sich schlecht mit dem Selbstverständnis der damaligen Bildungselite. Die ungeheuren Fortschritte von Wissenschaft und Technik hatten das 19. Jahrhundert in einen eigentlichen Vernunftrausch versetzt. Tagtäglich schien der Intellekt neue Siege zu feiern, schien die Allmacht des menschlichen Geistes neu bestätigt zu werden. Unaufhaltsam wich die Dunkelheit dem Licht, wich das Chaos der Ordnung; der Mensch schien im Begriff, die endgültige Herrschaft über Welt und Natur anzutreten.
Dieser wissenschaftsgläubige Kulturoptimismus wurde zwar nicht von allen geteilt; von vielen Künstlern und den Anhängern esoterischer Geheimlehren wurde er sogar entschieden abgelehnt, doch nur seiner materialistischen Ausrichtung wegen; ansonsten hielten auch die Gegner des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts an der Vorstellung eines gottähnlichen, zu einer rein geistigen Existenz bestimmten Menschen fest. Die Annahme eines unbewußten Seelenlebens, das sich zur bewußtseinsfähigen Psyche verhält wie der unter dem Meeresspiegel verborgene Eisberg zu seiner sichtbaren Spitze, mochten sie unter gewissen Einschränkungen noch gelten lassen; die Leugnung des Übersinnlichen und die Rückführung alles menschlichen Verhaltens auf die Wirksamkeit anonymer, biologisch bedingter Triebe, insbesondere auf das machtvolle Drängen der Sexualität, konnten aber auch sie unter keinen Umständen annehmen.
So stieß die Psychoanalyse zur Zeit ihrer Anfänge fast überall auf Unverständnis und Ablehnung. Dessen ungeachtet begann sich ihr Einfluß, wenn auch langsam, auf den unterschiedlichsten Gebieten durchzusetzen.50
Heute bildet die Psychoanalyse nicht nur das theoretische Rückgrat fast aller psychologischen Schulen und psychotherapeutischen Verfahren; sie bestimmt auch in einem kaum zu überschätzenden Maß alle Humanwissenschaften. Ohne ihren Beitrag zum Verständnis der menschlichen Psyche wären Soziologie, Anthropologie und Geschichte in ihrer heutigen Form nicht denkbar. Der Einfluß der Psychoanalyse auf Kunst, Wirtschaft und Politik, auf Strafgesetz, Erziehung und Bildungswesen ist zwar weniger direkt, doch deshalb nicht geringer.
Die Psychoanalyse hat das Menschenbild, die neue Physik das Weltbild der Moderne, auf eine neue Grundlage gestellt. Dabei fällt auf, daß die revolutionären Konzepte der beiden Wissenschaften untereinander bemerkenswerte Übereinstimmungen aufweisen. Trotz der mannigfaltigen Entsprechungen zwischen den Entdeckungen der Psychoanalyse und denen der neuen Physik darf man jedoch nicht vergessen, daß es sich bei der ersteren um eine immer noch sehr junge Wissenschaft handelt, die sich, was ihre theoretische Kohärenz und Widerspruchslosigkeit und ihre praktischen Erfolge betrifft, weder mit der Quanten- noch mit der Relativitätstheorie messen kann. Der Prozeß, der sich aus dem Wechselspiel zwischen Beobachtungen und Theorien ergibt, ist immer langsam: Quantifizierung und Methodik sind späte Produkte jeder Wissenschaft; so steht auch die Systematisierung der psychoanalytischen Theorie noch in ihren Anfängen, während die Physik auf eine Jahrtausende dauernde Forschungsarbeit zurückblicken kann.51
Trotzdem kommt der Psychoanalyse für das Selbstverständnis der Moderne eine ebenso große Bedeutung zu wie der Relativitätstheorie. Wie Einstein in der Physik hat Freud in der Psychologie die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Antinomien aufgehoben und durch eine umfassende, dynamische und ganzheitliche Sicht seines Untersuchungsobjekts - der menschlichen Seele - ersetzt. Die menschliche Seele wird dabei erstmals nicht als feste Größe, sondern als dynamischer Prozeß aufgefaßt. Analog zum Universum der Allgemeinen Relativitätstheorie läßt sich aus der Sicht der Psychoanalyse auch das psychische Universum - die bewußten und unbewußten, vielfältig miteinander verbundenen und durcheinander bedingten Regungen, Vorstellungen und Handlungen des Menschen und der Menschheit - als ein vieldimensionales Kontinuum verstehen, das einer ständigen Umformung unterworfen ist. Auch für die psychische Welt gilt Whiteheads Wort: "Die Einheit der Dinge ist das Ereignis".
Vor allem aber hat die Psychoanalyse den Menschen mit seinem Körper und seiner Triebnatur konfrontiert. Wohl hat sie ihm damit die Illusion seiner Gottähnlichkeit genommen; doch hat sie ihn dabei gleichzeitig auch in einer neuen und unaufhebbaren Weise räumlich und zeitlich, körperlich und geistig mit allem Existierenden verbunden.

Dieser paradigmatische Wandel spiegelt sich, wie schon mehrmals erwähnt, auch in den künstlerischen Ausgestaltungen der Moderne. Die Abkehr von der äußeren Erscheinung und von der sichtbaren Wirklichkeit, die elementare Formensprache, die Verwendung weitgehend ungebrochener Farben, die durchgehende Rhythmisierung der Bildfläche, die Gleichartigkeit und gegenseitige Bedingtheit aller Gestaltungselemente, die Äquivalenz von Form und Aussage, die Transparenz der Gestattungsmittel und der universelle Geltungsanspruch der künstlerischen Äußerung künden von einem neuen Bewußtsein, vom Selbst- und Weltbild der Moderne.

3. Die soziale Revolution

Das ganzheitliche Welt- und Menschenbild, das in den künstlerischen und wissenschaftlichen Errungenschaften des anbrechenden 20. Jahrhunderts Gestalt und Ausdruck gefunden hatte, blieb auf einen engen Kreis von Künstlern, Wissenschaftlern und Intellektuellen beschränkt. Das Denken der breiten Massen stand demgegenüber noch im Bann des bisherigen Paradigmas, d.h. der Werte und Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, und begann sich erst zu ändern, als diese durch den Ausbruch, den Verlauf und die Folgen des Ersten Weltkrieges radikal in Frage gestellt wurden.
Die Entwicklung von Technik und Industrie hatte der wirtschaftlichen Expansion völlig neue Möglichkeiten eröffnet und damit die Regierungen der europäischen Länder dazu gedrängt, ihren Machtbereich auf möglichst weite Gebiete, vor allem auch jenseits der Meere, auszudehnen. Der Wettlauf nach Absatzmärkten, Stützpunkten, Handelsniederlassungen und Einflußsphären lud die an sich schon prekären internationalen Beziehungen mit zusätzlichen Spannungen auf. Ein allgemeines Gefühl wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit und Bedrohung führte zu einer immer rascher fortschreitenden militärischen und ›psychologischen‹ Aufrüstung. Nationale und imperialistische Gruppen und Verbände sowie eine Krieg und Gewalt verherrlichende Presse schufen jene Atmosphäre blinder Kriegsbegeisterung, die sich in der bisher größten Katastrophe der europäischen Geschichte entladen sollte.52


Der Erste Weltkrieg

Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers und seiner Frau durch einen serbischen Nationalisten (am 28. Juni 1914 in Sarajevo) brachten das europäische Pulverfaß zur Explosion. Deutschland und Österreich-Ungarn, die sogenannten Zentralmächte, zu denen sich später noch die Türkei und Bulgarien gesellten, griffen Belgien, Frankreich, Rußland und Serbien an, die zusammen mit ihren später dazukommenden Verbündeten, Großbritannien, Japan, Italien und Rumänien die ›Entente‹ bildeten. 1917 traten auch China und die USA auf Seite der Entente in den Krieg ein.
In den europäischen Großstädten wurde der Kriegsausbruch im August 1914 mit freudiger Erregung und Begeisterung begrüßt. Die in wahrhaft festlicher Stimmung einrückenden Soldaten waren überzeugt, die ›heiligsten Güter der Nation‹ zu beschützen und einen schnellen Sieg zu erringen. Konkrete Kriegsziele waren dabei von untergeordneter Bedeutung. Erst die unerwartet lange Kriegsdauer und die immer größeren Opfer ließen die Frage nach dem Sinn des mörderischen Ringens aktuell werden. Hinter den propagandistischen Schlagworten und Durchhalteparolen wurden die immergleichen Beweggründe der Großmächte sichtbar: der Erste Weltkrieg war ein reiner Machtkampf, bei dem es nicht, wie etwa im Zweiten Weltkrieg, um politische Ideologien und Ordnungsprinzipien ging, sondern um die wirtschaftliche und politische Beherrschung Europas und der Welt.
Militärisch brachte der Krieg große Erneuerungen. Kanonen bisher unbekannter Reichweite, Kampfflugzeuge, lenkbare Luftschiffe, Unterseeboote, gepanzerte Fahrzeuge (die sogenannten Tanks), Flammenwerfer und Giftgas, Automobile, Lastwagen, Radio und Feldtelefon hatten die Kriegführung grundlegend verändert.
Obwohl sich die Kampfhandlungen auch auf Afrika, Vorderasien, die Dardanellen und Griechenland erstreckten, war es nach der russischen Niederlage im Jahr 1916 klar, daß die Entscheidung an der quer durch Frankreich verlaufenden Westfront fallen mußte. Diese war nach den ersten erfolgreichen deutschen Vorstößen in einem Stellungskrieg erstarrt. Zwei ununterbrochene Schützengrabenlinien zogen sich, nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, von der Schweizer Grenze bis zur Nordsee. Die beiden Heere lagen verschanzt einander gegenüber und konnten nur unter ungeheuren Verlusten vorrücken. Sie zählten Millionen, und hinter ihnen wurde die gesamte Bevölkerung zur Versorgung der Front mit Nahrung, Kleidung, Waffen und Munition eingesetzt. Da alle gesunden Männer für das Heer oder die Flotte eingezogen worden waren, arbeiteten in der Industrie vorwiegend Frauen. Es dauerte nicht lange, bis alles, was dem Nachschub diente, zum Ziel der Kampfhandlungen erklärt wurde. Die immer häufiger einsetzenden Luftangriffe dehnten den Krieg auf das Gebiet hinter den Fronten aus und trugen Tod und Zerstörung in die Zivilbevölkerung.
Der zivile Verkehr brach zusammen, die Nahrungsmittelproduktion wurde immer spärlicher, die Erziehungsarbeit geriet ins Stocken, die medizinische Versorgung beschränkte sich auf das Allernotwendigste. Die Bevölkerung wurde aus all ihren bisherigen Lebensbedingungen gerissen und von einer zunehmenden Desorientierung ergriffen. Am nachhaltigsten wirkte sich diese allgemeine Entwurzelung in Rußland aus.


Die russische Oktoberrevolution

Die Willkürherrschaft des Zaren, eine schwere Agrarkrise und die massive Ausbeutung der Arbeiterschaft hatten schon vor dem Krieg die soziale Ordnung untergraben und zur Bildung revolutionärer Bewegungen geführt. Der unglückliche Verlauf des Krieges verstärkte die allgemeine Unzufriedenheit. Massendemonstrationen der Arbeiterschaft und die Meuterei einzelner Truppenverbände leiteten im Februar 1917 die Revolutionswirren ein. Die aufständischen Arbeiter und Soldaten, die von sogenannten Sowjets [Räten] geführt wurden, erzwangen die Abdankung des Zaren und die Bildung einer provisorischen Regierung, die allen politischen Häftlingen Amnestie gewährte, politische Freiheiten gewährleistete und alle rechtlichen Unterschiede zwischen den Ständen, Religionsgemeinschaften und Nationalitäten aufheben sollte.
Doch kamen diese Reformen zu spät. Inzwischen war Lenin, der Führer der Bolschewiki (unter den Revolutionären die radikal-marxistische Gruppierung) aus seinem Schweizer Exil nach Rußland zurückgekehrt, um die ausgebrochene Revolution in seinem Sinn zu lenken. Er verwarf den bisher auch von seinen eigenen Anhängern unterstützten Übergang zur parlamentarisch-bürgerlichen Demokratie, verlangte für die Sowjets, die sich inzwischen im ganzen Reich konstituiert hatten, alle Macht, forderte die sofortige Beendigung des Krieges und sagte der Regierung einen bedingungslosen Kampf an. Nachdem die Bolschewiki im Sowjet die Mehrheit errungen hatten, stürzten sie am 25. Oktober 1917 die provisorische Regierung . In rascher Folge erließ ein ›Rat der Volkskommissare‹ unter dem Vorsitz Lenins eine Anzahl von Dekreten, welche die alte Sozialordnung radikal beseitigten. Der Großgrundbesitz wurde entschädigungslos enteignet und das Land an die Bauern verteilt. Die Leitung der Industriebetriebe übernahmen Arbeiterräten, später wurden die Banken und alle Fabriken, Unternehmen und Betriebe verstaatlicht. Der Privathandel wurde verboten und durch staatliche Organisationen ersetzt, welche die Verteilung von Waren und Nahrungsmittel übernahmen.
"Diese Maßnahmen stürzten Rußland in eine verheerende Hungersnot", schreibt Harro Brack in einer knappen Zusammenfassung der damaligen Entwicklung. "Die Bauern konnten nur durch Zwang zu Lieferungen veranlaßt werden. Mit dem Aufspüren versteckter Lebensmittel entstand der organisierte Terror. Die Pressefreiheit wurde aufgehoben, das ordentliche Gerichtsverfahren außer Kraft gesetzt: Die Gerichte hatten in ihren Entscheidungen die Dekrete der Sowjetregierung anzuwenden, wo solche fehlten, das sozialistische Rechtsempfinden sprechen zu lassen. Jeder Widerstand gegen diese neue Ordnung wurde blutig niedergeworfen."53
Die neuen Machthaber wurden von keiner Volksmehrheit getragen. Bei den Wahlen für die konstituierende Nationalversammlung hatten die Bolschewiki nur 28 Prozent der Stimmen erzielt. Darauf ließ Lenin im Januar 1918 die Nationalversammlung von Truppen auseinandertreiben und ersetzte das fehlende gesellschaftliche Mandat durch den Anspruch, "die Interessen der übergroßen Mehrheit des Volkes zu vertreten". In der Tat entfachte dieses Vorgehen keinen Widerstand.54
Nach ihrer Machtübernahme forderten die Bolschewiki die deutsche Regierung zu Friedensgesprächen auf; im März 1918 wurde der Friedensvertrag unterzeichnet. Das so im Osten entlastete Deutschland versuchte nun mit einer letzten, übermächtigen Anstrengung an der Westfront einen militärischen Sieg zu erzwingen, was trotz anfänglicher Erfolge nicht gelang. Während die Heere der Entente durch die inzwischen angelaufene Landung frischer amerikanischer Truppen dauernd verstärkt wurden, waren die Zentralmächte am Ende ihrer Kräfte. Gegen Ende des Jahres befanden sich ihre Armeen auf allen Fronten im Rückzug. Die Türken kapitulierten Ende Oktober, Österreich-Ungarn am 2. November. Deutschland unterzeichnete den Waffenstillstand am 11. November. Der Krieg war zu Ende.


Die Suche nach einer neuen Weltordnung

Der Krieg hatte viereinhalb Jahre gedauert. Zehn Millionen Menschen waren im Kampf gefallen, weitere Millionen waren an kriegsbedingten Leiden und Entbehrungen zu Grunde gegangen. Die Überlebenden standen wie betäubt vor den Ruinen ihrer bisherigen Welt. Sie erhofften sich zweierlei: eine internationale Weltordnung, die eine Wiederholung der überstandenen Katastrophe verunmöglichen und eine neue soziale Ordnung, die der arbeitenden Bevölkerung ein menschenwürdigeres Leben und echte politische Mitbestimmung garantieren würde.
Die europäischen Völker knüpften ihre Hoffnungen an die Person des amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson, der seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten in einer Reihe von Reden und Proklamationen seine Vorstellungen einer zukünftigen internationalen Ordnung dargelegt hatte. Wilsons öffentliche Äußerungen, eine Zeitlang über die Köpfe der Regierungen hinweg unmittelbar an die Völker gerichtet, fanden ungeheuren Widerhall.
Wilson galt während der letzten Kriegsjahre und auch noch einige Zeit darüber hinaus als der Wortführer eines neuen Zeitalters. "Er verkündete eine Auffassung der internationalen Beziehungen, die wie ein Evangelium klang und die Hoffnung auf eine bessere Welt eröffnete: geheime Abmachungen sollten aufhören, die ›Nationen‹ ihr Schicksal selbst bestimmen, der militärischen Gewalttätigkeit sollte ein Ende gesetzt und die Seewege für die ganze Menschheit frei werden. Diese Gemeinplätze amerikanischen Denkens, diese geheimen Wünsche jedes vernünftigen Menschen, erschienen wie ein großes Licht in der Dunkelheit des haßerfüllten und streitenden Europa. Die Menschen fühlten, daß nun endlich die Ränkespiele der Diplomatie zerstört, die Schleier der Großmachtpolitik zerrissen werden sollten. Da waren nun einmal die Wünsche des gemeinen Mannes auf der ganzen Welt ausgedrückt, und sie wurden durch die Autorität und Kraft einer mächtigen jungen Nation unterstützt."55
Wilson schlug die Schaffung einer höchsten Instanz vor, die als Vertreter eines Weltbündnisses - einer ›Liga der Nationen‹ - die freien und friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern der Menschheit aufrechterhalten und als eine Art Appellationsgerichtshof für internationale Angelegenheiten dienen sollte. Sein berühmtes ›Vierzehn-Punkte-Programm‹, das die Absichten und Grundsätze umfaßte, die er im Namen der USA an der Pariser Friedenskonferenz zu vertreten gedachte, stieß auf weltweite Zustimmung - und doch sollte er damit scheitern.
Der größte Teil der Menschheit war bereit, der Abwehr neuer Kriege jegliches Opfer zu bringen; unter den Regierungen der Alten Welt war jedoch keine einzige gewillt, auch nur den kleinsten Teil ihrer souveränen Unabhängigkeit aufzugeben. Wilson hatte leider mit Regierungen und nicht mit Völkern zu verhandeln. Er war gewaltiger Zukunftsvisionen fähig, doch auf die Probe gestellt, erwies er sich unfähig, deren praktische Verwirklichung durchzusetzen. Die Begeisterung, die er geweckt hatte, schwand, ihre Kraft blieb ungenutzt.
Sogar die Vereinigten Staaten verweigerten ihrem Präsidenten die Zustimmung; sie traten dem Völkerbund nicht bei, denn im Verlauf der Gründungsverhandlungen hatte Wilsons ursprüngliches Konzept zu viele Einbußen erlitten. Mit seiner komplizierten Verfassung und seinen offenkundigen Machtbeschränkungen konnte der Völkerbund zu einer wirklichen Reorganisation der internationalen Beziehungen kaum mehr etwas beitragen.
Doch die Idee war geboren. Die Begeisterung, mit der die ganze Welt Wilsons Plan begrüßt hatte, deutete auf das Erwachen einer neuen Hoffnung und eines neuen Ideals. Im öffentlichen Bewußtsein hatte sich ein fundamentaler Wandel vollzogen: während man bis 1914 den Krieg als ein legales Mittel der Politik, als durchaus erlaubt und normal betrachtete, hatte sich nun ein radikales Umdenken vollzogen: ein absichtlich herbeigeführter Krieg galt fortan als ein Verbrechen an der Menschheit. Mit der Idee einer friedfertig zusammenlebenden Völkerfamilie hatte das neue Paradigma auch im politischen Denken eine erste archaische Ausgestaltung gefunden.


Die Suche nach einer neuen Gesellschaftsordnung

Die Hoffnungen des arbeitenden Volkes auf eine gerechte und freiheitliche soziale Ordnung wurden weder im kapitalistischen Westen noch im kommunistischen Rußland erfüllt.
Anfänglich proklamierten die bolschewistischen Führer die Weltrevolution, riefen die Arbeiter aller Länder auf, sich zu vereinigen, das kapitalistische System zu stürzen und das kommunistische Zeitalter herbeizuführen. Dieses Vorgehen brachte ihnen begreiflicherweise die Feindschaft aller bestehenden Regierungen ein. In den folgenden Jahren mußte sich Rußland gegen die Angriffe britischer, französischer, japanischer, rumänischer, polnischer und estnischer Streitkräfte und gegen die Heere russischer ›Reaktionäre‹, der sogenannten Weißrußen, verteidigen. Nach den überraschenden Siegen der ›Roten Armee‹ fanden sich schließlich die Westmächte 1921 dazu bereit, die bolschewistische Regierung anzuerkennen und mit ihr wieder Handelsbeziehungen aufzunehmen.
Rußland litt unter einer unbeschreiblichen Not. Die vielen Kriege und die kommunistische Mißwirtschaft hatten seine letzten Kräfte aufgezehrt. Das Land war verwüstet, die Industrieproduktion war fast zum Stillstand gekommen, und Hunderttausende waren dem Hunger zum Opfer gefallen. Eine Verbesserung dieser Lage trat ein, als Lenin auf dem 10. Parteitag im Jahr 1921 die Neue Ökonomische Politik einleitete, die der Privatinitiative im Wirtschaftsleben größere Freiheiten einräumte. Die Bauern durften ihren Überschuß verkaufen, der kleine Privathandel wurde in beschränktem Umfang wieder zugelassen, und an Stelle der nivellierten Einkommen traten gestaffelte Löhne. Diese Liberalisierungen wurden durch die Rückkehr zu einer gewissen Rechtsstaatlichkeit begleitet. Trotz einer schrecklichen Hungersnot, an der Millionen von Menschen zu Grunde gingen, führte die neue Politik zu einer erheblichen Produktionssteigerung und die materiellen Lebensbedingungen der Bevölkerung begannen sich zu bessern.
Nach Lenins Tod im Jahr 1924 trat die russische Revolution unter der Leitung Joseph Stalins in ihre zweite Phase, in deren Verlauf die Neue Ökonomische Politik einem autoritär geplanten und zentral gelenkten Staatskapitalismus wich. Dieser zeichnete sich durch die zwangsweise Kollektivierung und Mechanisierung der Landwirtschaft und die fast ausschließliche Förderung der Schwer- und Rüstungsindustrie auf Kosten der Konsumgüterproduktion aus.
Die alten Bolschewiki, die nach Ablauf des ersten Fünfjahresplans die Einschränkung der Polizeigewalt, die Beendigung des Terrors und eine Bremsung der gehetzten Industrialisierung forderten, wurden weitgehend ausgemerzt. Stalin, der sich durch ihre Opposition in seiner Herrschaft bedroht fühlte, ließ nicht nur seine Gegner, sondern alle selbstständigen Elemente der kommunistischen Führungsschicht hinrichten. Nach heutigen Schätzungen wurden mindestens 800 000 Parteimitglieder getötet. Aus dieser ›Säuberung‹ ging eine völlig neue Elite hervor; an die Stelle gebildeter Publizisten und beredter Intellektueller traten nüchterne Organisatoren und Bürokraten, (die sogenannten Apparatschicks), die sich durch hohe Gehälter und Sondervergünstigungen deutlich vom gemeinen Volk der Bauern und Arbeiter abhoben. Stalins Revolution hatte eine zwar ›sozialistische‹, doch konservative und reaktionäre Klassengesellschaft etabliert. Der Traum vom Arbeiterparadies war ausgeträumt.56

Die Erwartungen des einfachen Mannes auf eine bessere Zukunft wurden auch im Westen enttäuscht.
Auf der sozialen Ebene hatte der Krieg insofern Hoffnungen geweckt, als er nicht nur Schrecken, sondern auch das Erlebnis gemeinsamer Anstrengungen und gemeinsamer Opfer gebracht hatte. Während viereinhalb Jahren waren alle Energien der Gesellschaft auf ein einziges gemeinsames und damit verbindendes Ziel gerichtet: auf das Ziel des siegreichen Überlebens.
In allen kriegführenden Ländern hatte man Schritte zur Mobilisierung der wirtschaftlichen Reserven unternommen. Transport, Heizmittel, Nahrungsmittelversorgung und industrielle Produktion standen während dieser Zeit unter öffentlicher Kontrolle. Der Import- und Exporthandel wurde reglementiert, die Herstellung von Luxusgütern eingestellt. England hatte schon während des Krieges ein ›Ministerium für Wiederaufbau‹ gegründet, das eine neue soziale Ordnung, bessere Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnisse und Erziehungssysteme schaffen sollte. Entsprechende Ämter hatte man auch in anderen Ländern eingerichtet.
Mit dem Ende der Feindseligkeiten trat die Ernüchterung ein. Während sich mit der Demobilisierung Inflation, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot ausbreiteten, gingen die Regierungen daran, die kriegsbedingte Kollektivierung der Wirtschaft rückgängig zu machen und die entsprechenden Unternehmen wieder in Privatbesitz zu überführen. Mitte 1919 war es den meisten Arbeitern klargeworden, daß die versprochenen Reformen ausbleiben würden; doch waren sie nicht bereit, die Wiederherstellung der alten Ordnung widerstandslos hinzunehmen. Die europäischen Massen waren durch den Krieg entwurzelt und den überlieferten Werten entfremdet worden; dabei hatten sie auch die bisherige Ergebenheit in ihr Los abgelegt.
In ganz Europa stieg die Streiktätigkeit an, in Deutschland und Italien begannen sich links und rechts des politischen Spektrums radikale Kräfte zu regen. Im November 1918 brach in Deutschland eine Revolution aus, mit der die von Kommunisten und Sozialdemokraten geführte Arbeiterbewegung eine demokratisch-parlamentarische Staatsform und weitgehende politische und soziale Rechte erkämpfte. Doch gelang es den bisher herrschenden Klassen, die notgedrungen gewährten Konzessionen innerhalb kurzer Zeit rückgängig zu machen. Mitte 1920 wurde erneut eine bürgerliche Regierung gebildet, worauf sich die unteren Einkommensschichten in zwei Lager spalteten. Die Mehrzahl der Arbeiter wandte sich nach links zur ›Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD)‹, die meisten Angestellten, Handwerker und Kleinunternehmer nach rechts, wo sie nach dem Ausbruch der Wirtschaftskrise (1929-32) mit ihren Stimmen Hitler an die Macht bringen sollten.
Auch in Italien lehnten sich große Teile der notleidenden Bevölkerung gegen die herrschenden Klassen und Besitzverhältnisse auf. Die Bauern besetzten das zum Teil brachliegende Land der Großgrundbesitzer, um es selbst zu bebauen, die Arbeiter übernahmen die Kontrolle vieler Fabriken und begannen, diese in eigener Regie zu führen. Die erfolglosen Versuche von fünf aufeinanderfolgenden Regierungen, einen sozialen Frieden auszuhandeln und politische Stabilität zu schaffen, endeten schließlich 1922 mit der Machtübernahme Mussolinis und der Errichtung einer faschistischen Diktatur.
Obwohl auch in England, Frankreich und den europäischen Kleinstaaten erbitterte Arbeitskämpfe ausbrachen und obwohl auch dort Arbeitslosigkeit, Inflation und Wirtschaftskrise die Bevölkerung in eine extreme Notlage stürzten, blieb in diesen Ländern die demokratische Staatsform erhalten. Der Klassenkampf vollzog sich in der Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern um Löhne und Arbeitsbedingungen und (auf der parlamentarischen Ebene) zwischen bürgerlich-konservativen und sozialistischen Parteien um die Stimmen der Wähler.


Ein neues Menschenbild

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges beginnen sich auf der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ebene die progressiven Kräfte und Ideen abzuzeichnen, die das Zeitalter der Moderne prägen sollten. Sie sind alle durch eine im buchstäblichen Sinn des Wortes ›revolutionäre‹ Tendenz verbunden. Überall drängt das bisher Unterdrückte und Mißachtete an die Oberfläche; überall befreien sich primäre, ursprüngliche Kräfte und Regungen von der Autorität ihres bisherigen ideologischen Überbaus.
Dieser Prozeß, den die konservative Intelligenz als einen ›Aufstand der Massen‹ empfand, beschränkte sich nicht auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung, sondern betraf auch den Wandel des damaligen Menschenbildes. Dieser manifestierte sich unter anderem in einer veränderten Einstellung zum Körper und zur Sexualität und in der neuen gesellschaftlichen Rolle der Frau.
Deren kriegsbedingter Einsatz an der ›Heimatfront‹ und die jahrelange, oft endgültige Abwesenheit der Männer hatten Spuren hinterlassen: eine neue, selbstbewußte Frau betrat die Bühne des gesellschaftlichen Lebens. Sie arbeitete in Büros und Fabriken, hatte Zugang zu den Universitäten und war verfassungsrechtlich dem Mann gleichgestellt. Ihr Verhältnis zu Ehe, Mutterschaft und Sexualität hatten sich ebenfalls gewandelt. In der Sowjetunion hatte eine radikale Liberalisierung der Sexualgesetzgebung und des Eherechts eingesetzt. Sie wurde von einer breitgefächerten Aufklärung begleitet, die auch auf die westlichen Länder, insbesondere auf Deutschland übergriff. Überall entstanden Sexualberatungsstellen, (in Deutschland waren es bis 1932 über 400), die neben einer medizinischen und psychologischen Aufklärung auch Mittel zur Empfängnisverhütung und Hilfe bei ungewollten Schwangerschaften anboten.
Die Frauenkleidung machte eine bemerkenswerte Wandlung durch. Das gesundheitsschädigende Korsett war verschwunden und mit diesem die kurvenbetonte Silhouette. Die Taille rutschte nach unten; der Saum hob sich zum Teil bis übers Knie, womit das bisher Undenkbare eintrat: die Frau zeigte ihre Beine! Mit dem sogenannten Bubikopf und der Pagenfrisur fielen auch die Haare. Die ›Garçonne‹, knabenhaft schlank, flachbrüstig und langbeinig, wurde zum neuen Frauenideal.57
Die gewandelte Einstellung zum eigenen Körper und zur Sexualität manifestierte sich auch in der Tanzwut, die nach dem Kriege vor allem die Jugend erfaßte. Die synkopierten Rhythmen der Rumba und des Foxtrotts kündigten von einem neuen Lebensgefühl, dem später der Jazz auf der ganzen zivilisierten Welt Ausdruck verleihen sollte. Und schließlich begann sich insbesondere in Arbeiterkreisen der Sport und das Wandern einer immer größeren Beliebtheit zu erfreuen.
Alle diese Entwicklungen führten zu einer Angleichung von Mann und Frau; sie zeugen von einer Versöhnung zwischen Geist und Körper, von einem neuen, die sinnliche Dimension des Lebens miteinbeziehenden Menschenbild und von einem bisher unbekannten Anspruch auf Selbstbestimmung. Diesem Bewußtseinswandel entsprechen die wesentlichen sozialen und politischen Forderungen der Moderne: die rationale Legitimation der Herrschaftsausübung, das allgemeine Stimmrecht für Männer und Frauen; die Trennung von Kirche und Staat, der Schutz der Privatsphäre und das Recht auf Bildung und Information. Mit ihrer schrittweisen Erfüllung begann sich die ›offene‹ Gesellschaftsordnung unserer Zeit durchzusetzen, in der sich individuelles und kollektives Handeln nicht mehr den überlieferten Gruppenmustern ausrichtet, sondern aus "universellen Handlungsnormen" zu begründen ist, "für deren richtige Anwendung der einzelne selbst die Deutungsleistung und Verantwortung übernehmen muß."58 In dieser universellen Ausrichtung spiegelt sich grundsätzlich dasselbe Paradigma, das in der neuen Physik, in der Psychoanalyse und der Kunst der Moderne Gestalt und Ausdruck gefunden hat.


Fussnote zu: V. Das neue Paradigma im Welt- und Menschenbild der Moderne

Züruck zum index  
Fussnoten lesen